Breaking the silence – ein Tag in der Westbank

Hilflosigkeit, Mitgefühl, Unverständnis, Aggression – die Liste der negativen Gefühle kann unendlich fortgesetzt werden. Ich sitze im Bus auf der Rückfahrt einer Tagestour in die Westbank von Jerusalem aus. Mit mir 40 weitere Personen, die ebenfalls ungläubig und stimmungstechnisch sichtlich angeschlagen die Geschehnisse Revue passieren lassen.

Israelische Ex-Soldaten geben Einblick in das Leben der Palästinenser unter israelischer Unterdrückung in den South-Hebron-Hills und erzählen von ihren Erlebnissen – so wurde uns die Tour der israelischen NGO angepriesen. Mit großen Erwartungen brach ich auf – und diese wurden noch einmal um Längen übertroffen.

Unser Tourguide, ein junger Typ namens Avna, erzählt uns von seinem Dienst in der israelischen Armee und seinen Erlebnissen in der Westbank. Jedes Wort verursacht Gänsehaut. Er erzählt von Befehlen unschuldige Menschen zu kidnappen, Verhaftungen, willkürlichen Behausungsabrissen und unmenschlichen Behandlungen. Dabei macht er keinen Hehl daraus, dass er die Verantwortung für seine Taten vor einigen Jahren übernimmt. Er war Teil eines Systems, eines System der Ausgrenzung und Unterdrückung. Unsere Tour führt uns auf einen Hügel am südlichen Ende des Westjordanlandes. Ein Ausblick über die vollständige Lage erwartet uns, das Wort herrlich wäre unangebracht. Widerrechtlich erbaute Siedlungen durchschneiden das palästinensische Siedlungsgebiet soweit das Auge reicht. Einfache Hütten dienen als Behausungen für die muslimische Bevölkerung in den besetzten Gebieten. Israelische Behörden sind verantwortlich für die Baugenehmigungen und Wasserversorgung. Vielen kleinen palästinensische Dörfern wird beides verwehrt, sie leben in Zelten und Bretterverschlägen. Wo israelische Siedlungen rechtswidrig entstehen müssen Palästinenser weichen, Generationen werden entwurzelt.

Alles hier gibt zu verstehen: Wir wollen euch nicht in unserem Land.

Wo zwei Volksgruppen ihre Ansprüche auf ein und dasselbe Gebiet, das Westjordanland, beide auf Abraham stützen und Glaubenskriege in territorialen Kriegen kulminieren gilt das Recht des Stärkeren. Martial Law. Kriegsrecht. Palästinenser sind Menschen zweiter Klasse, ihre Kinder können wochenlang legal festgenommen werden. Jeder europäischer Rechtsstandard wird hier mit Füßen getreten. Die Welt schaut weg.
Die Armee dient als Handlanger einer Regierung deren Ziel „das größtmögliche Gebiet mit so wenig wie möglich Palästinensern“ ist. Totale Kontrolle über die palästinensische Bevölkerung wird als einzige Möglichkeit gesehen Sicherheit für den jüdischen Staat zu gewährleisten. Eine 48 Jahre lang andauernde Besetzung und völkerrechtswidrige Annexion der Westbank ist die Folge. Die arabische Bevölkerung lebet hier wie Tiere im Zoo. Im de-facto rechtsfreiem Raum sind jüdische Siedler das Gesetz. Zivile Ordnungshüter werden von der Regierung bezahlt und mit Waffen ausgestattet um die rechtswidrigen israelischen Siedlungen vor Palästinensern zu beschützen. Die Arme dient dabei als rechte Hand. Man vertraut den Siedlern, sie kennen sich besser aus. Willkürliche Verhaftungen und Zerstörung ganzer Dörfer sind die Folge. Unser Guide beschreibt das Vorgehen der Israelis als sogenannte Dreieckskontrolle. Regierung – Armee – Siedler. Sie dienen vereint dem Ziel eines jüdischen Staates auf den Palästinensergebieten. Das ungeschriebene Ziel seit mehr als 40 Jahren: Fakten schaffen – jüdische Bevölkerung auf palästinensischem Gebiet soll spätere Verhandlungen zum Positiven beeinflussen. Palästinenser sollen mit allen Mitteln dazu gebracht werden das Gebiet „freiwillig“ zu verlassen. Sie sind nicht gewollt. Doch der Wille der Menschen ist ungebrochen. Das Dorf Susya hat in den letzten 30 Jahren zweimal seinen Standort gewechselt. 1986 kamen Archeologen und fanden in dem Dorf eine Synagoge. Die Einheimischen mussten weichen, ihre Häuser verlassen. 500 Meter weiter bauten sie wieder auf. Bis die Bulldozer kamen und den Platz für widerrechtliche jüdische Siedlungen schafften. Nun wohnen sie in einfachen Behausungen mit Zeltplanen und spartanischer Einrichtung zwischen den Ausgrabungen und den Siedlungen. Ohne Wasseranschluss, ohne Baugenehmigung. Ständig in der Erwartung, dass die Bulldozer ihre Siedlungen wieder dem Erdboden plattmachen. Von ihren Zisternen und Wasservorräten sind sie durch militärisches Sperrgebiet abgeschnitten, der Zugang zum lebenswichtigen Gut ist von der Willkür israelischer Militärs und dem guten Willen jüdischer Siedler abhängig. Wenn diese den Weg blockieren heißt es Palästinenser gegen Siedler, das Militär verteidigt israelische Interessen. Um nicht zu verdursten müssen sie mühsam aus dem nächsten legalen palästinensischen Ort Wasser holen. Sie bezahlen dafür den 10 fachen Preis wie Israelis, den 15-fachen von subventionierten israelischen Siedlern die mit palästinensischem Wasser ihre von der israelischen Regierung auf palästinensischem Gebiet erbauten Häuser versorgen und Palästinensern dadurch ihr Heimatland entreißen. Die Wasserleitung geht direkt unter den Zelten der Vertriebenen hindurch, unzählige Anträge auf einen Zugang wurden abgelehnt, trotz angebotener Bezahlung. Wo kein Wasser da keine Menschen, wo keine Menschen da kein Widerstand, wo kein Widerstand da Eroberung.

Das Leben der Bevölkerung hier ist menschenunwürdig, perspektivlos, grausam. Wenn ihre Kinder ins nahegelegene alTawani per mühsamem Fußmarsch in die Schule gehen sind sie ständig der Gefahr gewalttätiger Siedler ausgesetzt. Sie beanspruchen das Gebiet des Fußweges, verteidigen ihr nicht vorhandenes Recht mit Steinen. Kinder starben. Israelische Soldaten, die die Schüler verteidigen wollten wurden mit Ketten attackiert, ihre Notwehr in Form von Schüssen in die Luft brachte sie ins Gefängnis. Kollektive Einschüchterung hat hier System. Das Prinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn ist hier noch alltäglich. Begeht ein Palästinenser eine Straftat wird Rache an der ganzen Sippe begangen – kollektive Strafen zählen hier zur Tagesordnung – Einschüchterung im Dienste der Sicherheit. Palästinensische Autos werden fahruntauglich gemacht, Autoschlüssel beschlagnahmt, Straßen verschüttet, Häuser abgerissen, Olivenbäume gefällt und der Zugang zu notwendigen Weiden verwehrt.

Es ist bemerkenswert, welchen Lebenswillen die Menschen in diesen Gebieten noch haben. Die Frage, warum sie nicht schon lange geflohen sind, ihre Heimat besserer Lebensqualität geopfert haben und das Land den Israelis überlassen haben stellt sich unweigerlich. Ich kann sie nicht beantworten. Doch der Konflikt hier liegt offenbar tiefer. Ein Kampf um die Heimat. Ein Kampf um Heiligtümer. Ein Kampf der Religionen. Der Verlierer steht schon lange fest.

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