Allgemein

Ein neues Jahr – eine neue Autokratie?

Spannende Frage zu Silvester: Wie viele europäische Länder werden nächstes Jahr entdemokratisiert?

Hätte man es vor kurzem noch für unmöglich gehalten, dass sich innerhalb der EU Länder zu Diktaturen entwickeln, haben aktuell schon 2 Staaten in der EU autokratische Strukturen. In Ungarn wie die Demokratie unter Orban seit Jahren Schritt für Schritt abgeschafft. Und in Polen wurden mit der rechtspopulistischen Regierung innerhalb eines Monats auch bereits wesentliche Elemente eines liberalen Rechtsstaates abgeschafft. Das Tempo in dem sich das 6. größte Land der EU von einer Demokratie zu einer Autokratie entwickelt ist besorgniserregend. Bereits nach einem Monat ist die Meinungs- und Medienfreiheit eingeschränkt und das Verfassungsgericht entmachtet, weit Schlimmeres ist zu befürchten.

Die Demokratie wird in Europa nicht mehr wertgeschätzt, wurde jahrelang als selbstverständlich erachtet. Nun steht Europa auf der Probe. Hätte ich vor wenigen Jahre auf die Frage, ob ich mein Leben immer in einem demokratischen Österreich verbringe klar mit JA geantwortet, bin ich mir plötzlich nicht mehr so sicher.

Die Demokratie bei uns ist vergleichsweise jung, gerade einmal 70 Jahre gibt es sie. Wer sagt, dass in Europa nicht bald wieder eine andere Herrschaftsform dominant ist?

Die nächsten Jahrzehnte werden entscheidend sein. Rechtspopulistische Parteien sind europaweit am Aufstieg. Polen und Ungarn haben gezeigt, dass Demokratie für sie eher Mittel zum Zweck ist. Der Zweck ist Macht. Sobald sie an der Macht sind ist für die Rechten die Demokratie nichts mehr wert.

Noch haben FPÖ, AfD oder Front National noch nicht genügend Unterstützung. Aber geht der Trend so weiter, werden sie das bald haben. Eine Absolute Mehrheit für diese Parteien könnte das Ende der Demokratie bedeuten. Ungarn und Polen zeigen das eindrucksvoll. Von der Türkei ganz zu schweigen. Autokratien sind wieder im Kommen. Wollen wir unsere jahrhundertelang erkämpften Freiheiten nicht verlieren müssen wir handeln. Parteimitarbeit, zivilgesellschaftliche Aktivität, ja schon Wählen gehen alleine würde reichen, um unsere Demokratie zu sichern oder zu retten.

Das wäre doch einmal ein guter Vorsatz fürs Neue Jahr.

In diesem Sinne: Einen guten Rutsch!

ÖVP – Wertekurse: Wenn seriöse Vorschläge zu Kurz kommen

Sie fürchten sich davor, dass die Flüchtlinge unsere Werte nicht kennen. Ihre Werte haben hier nichts verloren, sie passen nicht zu uns: Unterdrückung von Frauen, Diskriminierung von Homosexuellen. Dabei sind hier doch schon alle katholisch.

So oder so ähnlich könnte man die Idee von Wertekursen für Flüchtlinge von unserem Integrations- und Außenminister Kurz zusammenfassen. Fans des Geilomobil-Ministers mit Hang zu übermäßig viel Haargel wurden ja schon durch seine Fähnchen-im-Wind Haltung in der Außenpolitik schnell desillusioniert. Der Vorschlag von verpflichtenden Wertekursen zeigt aber, dass es nicht nur von politischem Rückgrat, sondern auch noch von Glaubwürdigkeit nach kurzer Zeit in der Politik bei MFA-Short nicht mehr viel übrig ist.

Sich als Flüchtling von der ÖVP die Gleichbehandlung der Geschlechter beibringen zu lassen ist in etwa so wie sich als Österreicher von einem Kenianer Schiunterricht geben zu lassen. Das Frauenbild der ÖVP sieht man in der Landesregierung von Oberösterreich ziemlich gut. Sogar in der türkischen Regierung sind mehr Frauen als in der oberösterreichischen. Immerhin hält man sich mit Saudi-Arabien die Waage, man wird ja bescheiden.

Aber der Islam und Homosexuelle! Das geht ja gar nicht, dort haben  die ja gar keine Rechte, das muss man Flüchtlingen doch beibringen! Das erkennt Minister Kurz natürlich messerscharf. Natürlich sollte man das Flüchtlingen beibringen. Flüchtlinge sollen schließlich wissen, dass man sich bei der Diskriminierung von Homosexuellen gefälligst auf die Bibel zu berufen hat. Wenn man schon diskriminiert, dann zumindest katholisch. Jeder gelernte ÖVPler weiß das.

Aber machen wir nicht alles schlecht was Kurz fordert. Werteschulungen für Flüchtlinge könnten durchaus etwas positives sein. Man könnte ihnen Sparsamkeit anhand der Hypo-Verstaatlichung durch Josef Pröll beibringen. Und Gesetzestreue zeigen wir ihnen anhand des verurteilten ÖVP Agenten Ernst Strasser und anhand der laufenden Verfahren seines Kameraden Grasser.

Schon morgen wissen Flüchtlinge, dass Frauen alles werden können, wenn sie nur wollen. Außer Papst, und ÖVP-Obmann, und Priester, und Mitglied in einer CV. Und natürlich Landesrätin in Oberösterreich, das können sie auch nicht. Aber sonst können sie alles tun, echt. Zum Beispiel kochen oder putzen, aber bitte ohne Kopftuch.

Und wir könnten ihnen die Religionsfreiheit beibringen, auch mit diesem Wert können Flüchtlinge ja nichts anfangen. Wir zeigen ihnen, dass bei uns alle Religionen gleichberechtigt sind, dass bei uns alle Religionen, egal ob Christentum, Judentum oder der Islam ein Kruzifix im Klassenzimmer anbringen können. Und alle dürfen Gotteshäuser bauen. Natürlich solange sie einen Kirchturm haben, und der Muezzin gefälligst nicht am Freitag „la-illaha-IlAllah“ ruft, sondern stündlich mit der Glocke läutet.

Aber doch, eigentlich taugen die Kurz’schen Wertekurse ja doch für etwas. Nämlich dafür, die Heuchelei und Unglaubwürdigkeit  der ÖVP aufzuzeigen.

Aber  das was man in der Flüchtlings“krise“ am wenigsten erwartet, sind ja schließlich konstruktive Vorschläge. Alles was von der ÖVP zur Lösung beigetragen wird, dient ja schließlich nicht dazu, die Flüchtlings“krise“ möglichst problemlos zu bewältigen, sondern dazu, jeden verbalen Brechdurchfall der FPÖ mit noch heißerer Luft zu erwidern. Politik dient schließlich nicht der Problemlösung, sondern dem Wählerfang. Und was passt da besser ins Bild, wie Flüchtlinge, die sich nicht integrieren wollen und unsere ach so tollen „christlichen und abendländischen Werte“ nicht schätzen lernen. Da stört es dann auch nicht, dass man Wertekurse fordert, aber nicht mal im Stande ist, ausreichend Deutschkurse anzubieten. Und es stört nicht, dass ein Zaun in Spielfeld den Syrienkrieg vermutlich nicht beenden wird und die einzig sinnvolle bauliche Maßnahme in Österreich vermutlich das Niederreißen der Mauern in den Köpfen der Fahnenschwenker und Heimatliebe heuchelnden Patrioten wäre.

Wie wäre es stattdessen einmal mit konstruktiven Vorschlägen Herr Kurz, Frau Mikl-Leitner?

Jemandem Werte beizubringen, an die man selber nicht glaubt, ist jedenfalls kein solcher Vorschlag. Stattdessen bräuchte es vielleicht einmal die Erkenntnis, dass Integration kein einseitiger Prozess ist. Für Integration braucht es mehr. Zum Beispiel eine Politik, die Probleme löst und handelt, anstatt das Volk mit Pseudo-Lösungen zu entzweien und aufeinander zu hetzen.

Angst vor dem blauen Orkan – Österreich darf nicht Ungarn werden

Ich habe Angst. Angst vor der Zukunft. Angst vor der Zukunft in einem Land, in dem nicht Menschlichkeit, Solidarität, Freiheit und Menschenrechte unser Zusammenleben bestimmen, sondern Egoismus, Diskriminierung und Hass. Angst vor einer Zukunft, in der ich angefeindet werde, weil ich helfen will. Angst vor einer Zukunft, in der Menschen verfolgt werden, obwohl sie Schutz suchen und die Freiheiten und Grundrechte der Bürger Recht und Ordnung geopfert werden. Angst vor einem Europa, in dem statt grenzenloser Mobilität wieder Misstrauen herrscht. Angst vor Aufrüstung statt gegenseitiger Unterstützung und Zusammenarbeit.

Waren dieses Szenario und auch diese Befürchtungen bis vor kurzem noch Wahnvorstellungen, sind sie plötzlich real. Hinter unserer östlichen Grenze baut sich langsam aber kontinuierlich ein autoritäres Regime auf, dessen starker Mann, Viktor Orban, sich den ungarischen Staat Schritt für Schritt zu eigen macht. Wo nach der Wende Aufbruchsstimmung und Demokratisierung waren, ist nun Abschottung und Führerkult. Mitten in der EU beginnt ein Staat die europäischen Werte zu zerstören. Die EU sieht zu. Menschenrechte werden mit Füßen getreten, die Presse wird gleichgeschalten, der Rechtsstaat abgeschafft und Flüchtlingen mit Tränengasbomben und gewaltsam die Hilfe verweigert. Folgt man Huntingtons Theorie der Demokratisierungswellen, beginnt Viktor Orban wohl gerade den Prozess einer autokratischen Gegenwelle.

Noch können wir all das ignorieren. Noch können wir sagen, das sei nicht unser Land, das sind nicht unsere Leute die das unterstützen, wir sind besser, wir sind weltoffen, wir helfen. Doch wie lange können wir das noch?

Innerhalb unserer Grenzen braut sich ein Sturm zusammen. Ein Sturm aus Hass, Lügen und Hetze. Ein Sturm der uns schon bald überrollen könnte und keinen Stein auf dem anderen lassen könnte. Der Sturm ist blau, mit braunen Punkten. Manche würden vielleicht sagen braun, mit blauem Anstrich. Doch darum geht es nicht. Der Sturm ist real. Auch wenn es früher ein Lüftchen war und nun eine starke Böhe. Es wird schon bald ein Orkan sein, wenn wir nichts machen, wenn wir uns nicht wehren, wenn wir keine Vorkehrungen treffen. Ein Orkan wird kommen, der aus unserem weltoffenen, reichen und lebenswerten Land, ein verschlossenes, engstirniges und reaktionäres Land macht.

Der Orkan heißt FPÖ, er heißt Strache. Strache ist der Kopf, das Gehirn, der Anführer eines gesellschaftlichen Orkans. Der Sturm aber ist mehr. Er ist Hass, er ist Angst, er ist Egoismus. Strache steuert den Orkan, er ist das Auge des Sturms, sein Zentrum, sein Antrieb. Er bewegt, bewegt die Massen. Er steuert ihre Ängste, schürt ihren Hass und gewinnt ihr Vertrauen. Er sammelt Massen um sich, wird immer stärker, bündelt Kräfte und nimmt Fahrt auf. Irgendwann wird es zu spät sein, irgendwann wird der Sturm zu stark sein um ihn aufzuhalten. Und er wird kommen. Und mit ihm Hass und Angst.

Wer wissen will, wie unser Land nach dem Orkan Strache aussieht, kann das ohne Probleme. Er braucht den Blick nur über die ungarische Grenze richten. Dort hat der Sturm bereits gewütet, und er tut es immer noch. Dort heißt der Orkan Orban.

Bei uns ist es noch nicht so weit, aber es wird bald so weit sein, wenn nichts passiert. Strache hat Zulauf, die Menschen unterstützen ihn, wollen ihn, kämpfen für ihn. Die Person Strache ist der starke Mann. Der starke Mann, nach dem sich seine Unterstützer so lange gesehnt haben, der starke Mann der für Recht und Ordnung sorgt und der seine Anhänger beschützt, vor allen Gefahren. Wenn der blaue Balken in den Umfragen wächst, dann wächst mit ihm die Furcht vor einer Entwicklung wie in Ungarn. Vor einer Entwicklung, welche die Fundamente des Rechtsstaates erschüttert, die Grundpfeiler der Menschlichkeit zum zerbersten bringt und die Grundfreiheiten auf dem Altar von Recht und Ordnung opfert.

Diese Vorstellungen sind keine Wahnvorstellungen, sie sind keine Panikattacke. Diese Befürchtungen sind begründet und gut untermauert. Strache selber sorgt dafür. Er liefert genug Material um diese Angst wahr werden zu lassen. Strache lobt Orban, er schätzt ihn, er verteidigt ihn. Wenn Orban auf Flüchtlinge schießen lässt, hält Strache ihm die Stange. Man solle ihm dankbar sein. Dankbar, dass Orban das Chaos von Österreich abhält. Wenn Orban mit Stachdrahtzäunen den Flüchtlingen die Tore zum sicheren Europa verschließt, fordert Strache das selbe an der Grenze von Österreich. Ein Zaun, an der Grenze zwischen zwei EU-Staaten. Und mehr Militär. Militär an der Grenze zwischen zwei EU-Staaten. Damit dem Willkommenstourismus endlich ein Ende bereitet wird. Die Flucht vor Fassbomben ist für Strache Tourismus. Und die Menschen die davor fliehen, betreiben Wohlstandszuwanderung. Bei diesen Worten wäre vermutlich sogar Orban neidisch.

Die Flüchtlingskrise zeigt das Gesicht der FPÖ einmal mehr ganz deutlich. Ein Gesicht, bei dem die Angst von Christen vor dem Fremden mehr zählt, als die Angst von Muslimen vor dem Tod. Ein Gesicht, dass zwar Demokratie immer dann fordert, wenn es Wählerstimmen bringt, die Autokratie unter Orban aber immer unterstützt. Orban entmachtet das Verfassungsgericht und setzt damit die Kontrolle von Gesetzen anhand der Grundrechte weitgehend aus. Die FPÖ fordert die Änderung oder Aufhebung der Menschenrechtskonvention. Orban schränkt die Pressefreiheit ein, indem er die öffentlichen Medien unter Aufsicht der Regierung stellt, Strache fordert die Aufhebung der Rundfunkgebühren, eine Forderung mit wohl ähnlichen Konsequenzen.

Was die FPÖ und was Strache macht hat Kalkül. Das Ziel ist der eigene Profit, das Ziel ist Macht. Viktor Orban opferte für die Macht sogar seine eigene Ideologie. War er nach der Wende ein erbitterter Kämpfer für radikalen Liberalismus, wurde er innerhalb von 15 Jahren zu einem autoritären Herrscher, der Ungarn vom Rest Europas immer mehr abschottet und die Grundfreiheiten in seinem Land immer mehr einschränkt. Von Strache ist nichts anderes zu erwarten. Die Regierungsbeteiligungen der FPÖ zeigen nichts anderes. Ziel ist der eigene Profit. Die unzähligen Untersuchungsausschusse, welche ihren Grund in der Schwarz-Blauen Koalition haben, zeugen davon. Strache macht alles für Wählerstimmen, er macht alles für die Macht. Er nennt seine Partei „sozial“,  obwohl seine Parteikollegen  Wohnungsbeihilfen kürzen und Millionärssteuern ablehnen. Er präsentiert die FPÖ als Partei des kleinen Mannes, obwohl der blaue Hypo Skandal jedem Österreicher fast 3000 Euro kostet. Er wirbt mit Nächstenliebe, aber will Hilfesuchende mit einem Zaun aussperren.

Wer Strache wählt, wählt Fremdenhass. Wer Strache wählt, wählt Rückschritt. Wer Strache wählt, wählt Abschottung. Wer Strache wählt, opfert Freiheiten und Menschenrechte.

Noch ist es nicht zu spät, noch können wir das alles verhindern. Dazu braucht es aber Entschlossenheit, Aufklärung und viel guten Willen. Denn wer glaubt Strache löst alle Probleme, irrt. Wer glaubt die Lösung für Zukunftsängste liegt in der Hetze gegen Kriegsflüchtlinge, irrt. Wer Strache wählt, schadet Österreich.

Wenn Strache an der Macht ist, wird sich vieles ändern. Aber nichts wird besser. Tut dann bitte nicht so, als hättet ihr es nicht gewusst. Österreich muss nicht Ungarn werden. Wir können das verhindern.

Eine Ode an Sepp Blatter

Oh Sepp, wie froh ich doch bin. Du lebst noch, du regierst noch, und das eindrucksvoller denn je.

Was war das für eine Show! Die FIFA bröckelt unter dir zusammen wie ein trockener Gugelhupf und du machst einfach weiter. Die Justiz ermittelt gegen deine Gefolgschaft und du lässt dich wiederwählen, ach was heißt da wählen, du lässt dich mit demokratischem Anstrich krönen. Du tust so als hättest du von nichts gewusst, obwohl dein gesamter Machtzirkel so tief im Sumpf der Korruption steckt, wie die Häupter der halben FIFA Familie in deinem Hintern. Das ist beeindruckend.

Zum Wohl des Fußballs ziehst du dein Haupt aus der Schlinge um die Botschaft des Sports in die Welt zu tragen. Die FIFA verbindet. Sie verbindet mysteriöse Geldflüsse mit fragwürdigen WM-Vergaben. Sie verbindet Volkssport mit Massenprotesten. Sie verbindet eine Non-Profit-Organisation mit einem Milliardenvermögen.  Du hast das erkannt. Building Bridges nicht nur beim Song Contest. Dank dir überbrückt die FIFA Gegensätze, vereint Welten. Die FIFA verbindet.

Sie bringt den Fußball in die Wüste und verwüstet den Fußball. Bringt Mafiastrukturen in den Sport und Sportereignisse in Diktaturen. Sie verbindet Schamlosigkeit mit Selbstüberschätzung. Macht mit Geld. Einfluss mit Selbstgerechtigkeit.

Du bist ein Vorbild. Ein Vorbild für all jene, die aufgeben wollen bei dem leisesten Gegenwind. Die nach der Meinung anderer leben und nach Anerkennung streben anstatt ihr Ding durchzuziehen und drauf scheißen was die reden.

An dir können sich so viele ein Beispiel nehmen: Kim Jong Un erschießt seinen Onkel für Machterhalt, dabei hätt er sich nur einfach wählen lassen müssen. Und vielleicht würde Ulli Hoeneß heut noch in Freiheit leben, hätte er gewusst, dass man seine Ersparnisse anstatt schwarz in der Schweiz, lieber steuerschonend in FIFA-Funktionäre investieren kann.

Du bist sogar die Lösung für die Pensionsreform. Anstatt nicht mehr benötige Beamte in Frühpension zu schicken, oder schwächelnde Demenzerkrankte in Vollzeitpflege, können diese einfach noch in hohen FIFA Positionen die Geschicke des Weltfußballs leiten. Entlastung der Pensionskassen auf Kosten brasilianischer, russischer oder katarischer Steuerzahler. Du machst es möglich.

FIFA Präsident – die einzige Position außerhalb des Vatikans, die auch von klapprigen Männern mit kognitiver Dysfunktion an der Pforte zum  Jenseits noch ohne Probleme bekleidet werden kann.

Ja, Fußball ist eine Religion. Der FIFA Kongress wie das Konklave. Demokratisch kaum legitimierte männliche Mittsiebziger wählen einen faltigen Halbgott, dem anschließend unreflektiert zugejubelt wird, unabhängig davon, was für einen sinnbefreiten reaktionären Mist dieser anschließend von sich gibt.

Der Vatikan und die FIFA – da bekommt in Sachen Korruptionsniveau sogar Jörg Haider feuchte Augen.

Oh Sepp. Ich hoffe du bleibst noch lange.

Du machst Unmögliches Möglich. Du bringst Millionen Männer dazu zumindest für einen Moment den Fußball richtig scheiße zu finden. Du schaffst es, dass für einen Tag Yanis Varoufakis nicht die Titelseite der Bild ziert. Und du schaffst es, dass HC Strache für einen Tag nicht die meistgehasste Person Österreichs ist.

Auch wenn deine Ausstrahlung nur knapp über jener einer verbrannten Scheibe Toastbrot liegt, deine Gabe zur Selbstreflexion in etwa der Einsichtsfähigkeit eines Wladimir Putin entspricht und deine rhetorischen Fähigkeiten jenen eines FPÖ Wahlplakates gleichen, schaffst  du doch eines:

Du vereinst Völker. Im Hass gegen dich.

Fußballfans weltweit wollen nur eines sehen: deinen Rücktritt. Und das war doch deine Botschaft: Fußball verbindet. Gratulation, du hast es geschafft!

WM im Winter? Warum nicht!

Ein großer medialer Aufschrei: Die Fußballweltmeisterschaft 2022 wird im November und Dezember stattfinden, das Finale am Vortag von Heiligabend. Europa äußert seinen Unmut, Rücktrittsforderungen und Boykottaufrufe.

Eine WM im Winter? Nicht mit uns, das geht nicht.

Ich sage: Das geht! Warum denn nicht? Wir können im November auch unserem Club zujubeln, also warum nicht auch unserer Nationalelf? Auch mit Glühwein in der Hand bin ich fähig beim Public Viewing auf eine Leinwand zu glotzen und auch mit Schnee auf dem Balkon funktioniert mein Fernseher zu Hause. WM im Sommer – Das ist Tradition? Fragen Sie mal bei den Brasilianern oder Australiern nach, da ist im Sommer Winter.

WM im Winter? Natürlich geht das!

Was allerdings nicht geht sind korrupte FIFA Funktionäre, die unseren Sport für Geld verkaufen.
Was nicht geht sind autoritäre Regime, die den Fußball dazu missbrauchen sich gezielt zu inszenieren um weiterhin ihr Volk unterdrücken zu können.
Was aber vor allem nicht geht ist eine Scheindiskussion über Bier oder Glühwein zu führen, die von den wirklichen Problemen bei einer WM 2022 in Katar ablenkt. Eine Diskussion über die Vereinbarkeit von Fußball und Weihnachtsstress, die vergessen lässt, dass unser Fußball und sein Verband bis zum Hals in Dreck stecken, der irgendwann so hoch steigen wird, dass der Sport darin erstickt und zu Grunde geht, wenn nicht so schnell wie möglich eine Revolution in der FIFA geschieht, die dieses korrupte Gebilde bis auf seine Grundfeste erschüttert. Ob nun mit Glühwein oder Bier.

Kommentar eines Fußballjunkies

Das Angebot bestimmt die Nachfrage – Wie viel ist ein Menschenleben wert?

Kann man die Bedeutung eines einzelnen Menschenlebens in Zahlen darstellen? Ist es zulässig Menschen in Geld zu bewerten? Sind wir alle gleich viel wert? Gibt es besonders wertvolle Exemplare? Gibt es Ausschussware im Sonderangebot? Sinkt der Wert eines Menschen bei zu viel Angebot? Wenn wir zu viele Menschen haben, bezahlen wir irgendwann dafür um keine zusätzlichen Exemplare mehr zu erhalten? Wie viel ist ein Mensch genau wert? Und für wen ist er wie viel wert? Und wer bezahlt dafür?

1000 Euro – der Wert eines Menschen, genauer gesagt weniger als 1000 Euro. Jedenfalls der Wert eines Menschenlebens für die Europäische Union. 1000 Euro für die Rettung eines Menschenlebens – zu viel für die Europäische Union. Das Angebot bestimmt die Nachfrage. Menschen gibt es in der EU genug, das drückt den Preis.

Menschen gibt es genug, Menschlichkeit nicht.

Über 100.000 Menschenleben (in Worten: einhunderttausend) konnten mit der Mare Nostrum Mission der italienischen Marine im Jahre 2014 gerettet werden, die Mission kostete 9 Millionen Euro im Monat, 108 Millionen Euro im Jahr, zu viel für Europa. Italien forderte eine finanzielle Beteiligung europäischer Ländern, „man habe kein Geld“ war die Antwort. Italien stellte die Mission ein.

108 Millionen Euro sind ein zu hoher Preis für die Rettung von 100.000 Menschenleben. Das sind rund 1000 Euro pro gerettetem Mensch. Ist es zulässig Menschen in Geld zu bewerten? Offensichtlich schon. Wie hoch ist der Wert eines Menschen dann? Jedenfalls weniger als 1000 Euro.

Der Markt bestimmt den Preis – Angebot und Nachfrage. Viel Angebot – kleiner Preis. Wenig Nachfrage – noch kleinerer Preis. Der Börsenkurs afrikanischer Flüchtlinge sinkt, sie sind im Wirtschaftskreislauf nicht gewinnbringend zu verwerten. Wo kein Profit, da keine Investition. Die Europäische Union ist eine Wirtschaftsunion – Menschlichkeit ist nicht vorgesehen – kein Raum für Gefühle, das vernebelt nur die Sinne, stört den Verstand.
1000 Euro für ein einziges Menschenleben? Zu wenig Rentabilität für diese Summe Geld.

Sind wir alle gleich viel wert? Wir vielleicht schon. Wir sind gleich. Privilegiert als Bürger der Festung Europa. Privilegiert als Christen. Privilegiert durch unsere Hautfarbe. Alle Personen sind vor dem Gesetz gleich, die Europäische Union gründet sich auf die unteilbaren und universellen Werte der Würde des Menschen, der Freiheit, der Gleichheit und der Solidarität – Präambel der Charta der Grundrecht der Europäischen Union.
Die Würde des Menschen wird geschützt, Solidarität bestimmt das handeln. Freiheit, Gleichheit – aber nur bis zu Außengrenze der Europäischen Union.

Die Eigenschaften eines Menschen bestimmen den Wert – Europäer sind gefragt, Afrikaner Ausschussware.

108 Millionen Euro für 100.000 Menschenleben. Umgelegt auf die Einwohner betragen die Kosten für Österreich 1,8 Millionen Euro. Das sind circa 0,1 Prozent der Ausgaben für militärische Landesverteidigung. Der letzte Wahlkampf der ÖVP kostete knapp 7 mal so viel.

Alle Menschen sind gleich, aber manche sind gleicher. George Orwells Roman „Animal Farm“ ist aktueller denn je.

7. Januar 2015 – Terroranschlag in Paris – 17 Menschen sterben – ein weltweiter Aufschrei. 3,7 Millionen Menschen marschieren durch Paris um die Opfer zu beklagen. Staats- und Regierungschefs aus aller Welt versammeln sich. Sie trauern, schwingen Reden, fordern Reformen, schwören Rache.

8. Februar 2015 – mehr als 300 Menschen sterben in den Fluten des Mittelmeers, 22 weitere Opfer erfrieren an Bord des Patrouillenbootes auf dem Weg nach Lampedusa, ein größeres Schiff hätte sie retten können.  Die europäischen Nachrichten bringen eine Kurzmeldung in der Meldungsübersicht. Das Leiden der Opfer verhallt im europäischen Wohlstand.  Trauermarsch? Fehlanzeige. Rachepläne der Regierungschefs an den Tätern bleiben aus. Sie müssten sich an sich selbst rächen.  Die Täter sind sie. Mutwillig.

Jeder europäische Regierungschef  ist verantwortlich für hunderte Tote. Jeder einzelne. Die von der Europäischen Union als Ersatz der Mare Nostrum Operation ins Leben gerufene Triton Mission hat nicht die Aufgabe Leben zu retten. Sie soll die Grenzen schützen. Ihr Einsatzgebiet endet 30 Seemeilen vor der italienischen Küste. Danach gilt internationales Seerecht.

„30 Seemeilen vor der italienischen Küste endet Europa, bis dahin helfen wir. Dahinter befinden sich die internationalen Gewässer und dort gilt das internationale Seerecht.“

Nicht Menschenleben sollen mit Triton gerettet werden, sondern der europäische Wohlstand. Grenzsicherung statt Lebensrettung. Während Mare Nostrum mit ausreichend Kapazitäten bis vor die libysche Küste Menschenleben im Mittelmeer rettete, beschränken sich die 6 Schiffe der EU Mission auf Abschottung. Der Rest ist nicht im Budget.

Der Wert eines Europäers: Unbegrenzt. 300 Millionen Euro soll das österreichische Sicherheitspaket als Antwort auf die Terroranschläge in Paris kosten. Hubschrauber, Vorratsdatenspeicherung, gepanzerte Fahrzeuge. Kein Geld ist zu viel für die Sicherheit von europäischen Bürgern. 108  Millionen Euro hätte die Beteiligung an Mare Nostrum gekostet.Für die gesamte EU. Zu viel.

Sind alle Menschen gleich viel wert? Spätestens jetzt kann diese Frage eindeutig verneint werden.

Lässt sich der Wert eines Menschen in Zahlen darstellen? Für die Europäische Union definitiv.

Wie viel ist ein Mensch wert? Das hängt von seiner Herkunft ab.

Wer bezahlt dafür? Für die europäischen Bürger die EU, für notleidende Flüchtlinge bezahlen diese selbst. Mit ihrem Leben.

Auf nach Israel! Guantanamo Feeling zum Aktionspreis

Strandurlaube langweilen Sie? Auf Malle sind zu viele Deutsche? Sie haben keine Lust in Südöstasien ständig Angebote von Massagen und Taxifahrten dankend abzulehnen und Schiurlaube kommen nicht mehr in Frage seit letzten Winter in Kitzbühel ihre standesgemäße 2 Promilleabfahrt nach dem Apre Ski im Speicherteich geendet hat? Sie wollen endlich einmal einen Urlaub mit Pepp und Spannung aber auf das Trainingslager der Bayern werden Sie nie eingeladen (bdummtsss) und für einen Orbitalflug fehlen noch die nötigen Nullen am Konto? Sie wollen sich einmal in ihrem Leben in die Situation eines Verbrechers hineinversetzen aber haben keine Lust neben Karl Heinz Rummenigge in der Allianz Arena zu sitzen? Nützen Sie die Chance – Fahren Sie nach Israel!

Um das Guantanamo-Verhör-Feeling vollends auskosten zu können sei Ihnen folgende fundierte Reisevorbereitung ans Herz gelegt:

1. Seien Sie männlich! Falls Sie leider mit dem falschen Geschlecht in die Welt gesetzt worden sind, nicht verzagen, auch Justin Bieber hat es geschafft durchaus glaubwürdig als männlicher Sänger durchzugehen.

2. Reisen Sie alleine! Mitreisende, vor allem jene des anderen, bei Befolgung von Punkt 1 weiblichen Geschlechts, können nur zu unnötigen Vertrauensvorschüssen durch die Sicherheitsbeamten führen, welche das anschließende Verhörerlebnis unnötig abkürzen könnten und Sie dadurch ihrer verdienten und gewollten Spannung berauben.

3. Wählen Sie eine geeignete Reiseroute! Dabei ist vor allem die Anreise über ein muslimisches Land zu empfehlen, welches ist dabei nur sekundär relevant. Auf Grund der praktischen Flugverbindungen bietet sich natürlich die Türkei an. Belassen Sie es nicht bei einem simplen Zwischenstopp auf einem der beiden Istanbuler Flughäfen. Nein, gönnen Sie sich ein paar Tage Erholung an einem der unzähligen Strände oder noch besser, reisen Sie in den kulturell in höchstem Maße interessanten Osten des Landes. Die Nähe zu den Transferrouten potentieller IS-Kämpfer und Bürgerkriegsgebieten bringt nicht nur unvergleichliche Reisespannung sondern verhindert auch, dass der israelische Geheimdienst Sie fälschlicherweise als harmlosen Türkeitouristen ohne größere Kontrollen in den jüdischen Staat einreisen lässt. Und wichtig! Selbst wenn Sie als deutscher Staatsbürger in die Türkei ohne Visum mit Personalausweis einreisen könnten, gönnen Sie sich die Verwendung ihres Reisepasses. Ein Türkeistempel macht sich nicht nur optisch sensationell in Ihrem Pass sondern Sie auch gleich noch viel interessanter für die unterbeschäftigten Zollbeamten am Ben-Gurion Flughafen in Tel Aviv.

4. Führen Sie so viele elektronische Geräte wie möglich mit sich! Die Mitnahme mehrerer Kameras, eines Laptops sowie der dazugehörigen externen Festplatten führt dazu, dass Sie die Sicherheitskontrollen am Check-in einmal so richtig auskosten können. Sie wollten schon immer einmal einen Nacktscanner von innen erleben? Hier sind Sie genau richtig. Doch nicht nur dieses Erlebnis wird Ihnen bei richtiger Gepäckwahl zu Teil, nein, zudem kommen Sie noch in den Genuss des kostenlosen Gepäckvollständigkeitschecks. Am Flughafen nimmt sich ein freundlicher Sicherheitsbeamter gerne Zeit für Sie um in Ruhe mit Ihnen gemeinsam ihre sämtlichen Reiseutensilien durchzugehen um auch sicherzustellen, dass Sie nichts im Hotel zurückgelassen haben. Zudem erhalten ihre Geräte und Kleidungsstücke noch eine kostenlose Tiefenreinigung. Mit Wattepads werden sämtliche Sprengstoffspuren auf ihren Klamotten ausnahmslos identifiziert und gerne auch unmittelbar beseitigt. Zudem helfen die freundlichen Beamten auch gerne beim Entrümpeln Ihrer Geldbörse oder dem Befreien Ihrer Hostentaschen von lästigen alten Papiertaschentüchern.

5. Reisen Sie mit Rucksack! Als potentieller Terrorist müssen Sie natürlich flexibel sein um den aktuellen Truppenbewegungen ohne Rücksicht auf asphaltierte Straßen folgen zu können. Ein handelsüblicher Koffer kommt also nicht in Frage. Machen Sie also nicht den Fehler sich schon von mehreren Kilometern aus durch ihren roten Trolley, ihre graue Bauchtasche sowie ihre weißen Sandalen inklusive passender Tennissocken als deutscher Tourist zu erkennen zu geben. Wer würde denn einem Karl-Friedrich die Aufmerksamkeit zukommen lassen, die ein Ahmed eigentlich verdient hätte?

6. Nehmen Sie das Westjordanland unbedingt in Ihre Reiseplanung auf, und stehen Sie dazu!
Sie wollen eigentlich nur einmal den Tempelberg besteigen, in der Grabeskirche den Todesort Jesu besuchen und im Toten Meer ihre Bildzeitung einmal wo anders als auf der Toilette lesen? Vergessen Sies. So machen Sie es sich zu einfach. Der Israelurlauber von heute nimmt natürlich einen Zwischenstopp im Westjordanland selbstverständlich mit. Und er tut dies auch nicht um in der Geburtskirche Jesu in Betlehem ein Licht zu entzünden, nein, er interessiert sich für das Leben der unterdrückten Palästinenser. Lassen Sie das die interessierte Dame am Einreiseschalter unbedingt wissen. So viel Zeit muss sein.

7. Geben Sie an, sich mit weiteren Freunden in Israel treffen zu wollen, bei genauerer Nachfrage geben Sie an diese zwar zu kennen, sich jedoch nicht an deren vollen Taufnamen erinnern zu können. Somit wird die Überprüfung des Wahrheitsgehaltes Ihrer Angaben weitgehend unmöglich gemacht und Sie können die bequemen Metallsitze im Warteraum der Sicherheitsbehörde gleich noch länger genießen.

8. Planen Sie auf keinen Fall ihrer Reiseroute im Voraus!  Gebuchte Hotels, reservierte Busse, bereits fixierter Rückflug? Alles ist durchgeplant, sämtliche Buchungsbestätigungen vorhanden und somit die Zeit für einen Terroranschlag zwischendurch knapp. Der israelische Geheimdienst, scharfsinnig wie er ist, erkennt das. Das wollen Sie doch nicht, schließlich reisen Sie ja extra mehrere Flugstunden an um mit der israelischen Gesellschaft, vor allem mit der sicherheitsverliebten Schicht am Flughafen, in näheren Dialog zu treten. Geben Sie nicht alles von sich Preis, machen Sie die Leute neugierig. Das funktioniert nicht nur beim ersten Date sondern auch im Verhörraum. Weitere Stunden in trauter Zweisamkeit (mit dem freundlichen Flughafeninquisitor) sind garantiert.

Sie sehen, schon bei Befolgung von wenigen, einfachen Schritten steht Ihrem Abenteuerurlaub im Nahen Osten nichts mehr im Wege. Befolgen Sie diese Vorschläge im Detail und schon in kurzer Zeit könnte Ihr Leben um einmalige Erfahrungen und viele aufregende Momente reicher sein. Bei überzeugender Arbeit besteht sogar die Möglichkeit eines vom Staate Israel finanzierten Gratis-Rückfluges noch am selben Tag!

Geben Sie sich einen Ruck und buchen Sie noch heute ihr One-Way-Ticket nach Israel. Spannung wird garantiert.

Ihr Robert Hartlauer

Das perfekte Chaos

Die folgenden Worte sind ein Text, der in meinem Indienurlaub im Frühjahr 2014 entstanden ist. Wer jetzt also schon instinktiv die zu viele Freizeit der Studenten verteufelt und den durchaus harten Alltag der studierenden Bevölkerungsschicht anzweifelt (was für meine Gerrmanistenfreunde ein durchaus zutreffendes Zeugnis darstellen würde), dem sei gesagt, dass mein Lebensmittelpunkt in den letzten 5 Monaten zwar überall anders war als in Tirol, aber selbst mich meine innere Unruhe nicht noch zu einem weiteren Urlaub hinreißen hat lassen. Pflichtbewusst wie ich als immerfleißiger Student bin habe ich mich mittlerweile natürlich schon wieder in meinem Home Office eingesperrt und arbeite mich durch sämtliche wissenschaftliche Fachjournale des letzte haben Jahres.  

„Train Cancelled“ – so lautet die wenig hilfreiche, aber einzige Information die wir erhalten. Unsere Urlaubsplanung scheint sich jäh in Luft aufzulösen. Dass wir dabei geschätzte 5 mal von Büro 1 in Büro 2 und zurück verwiesen werden und offensichtlich so Recht niemand weiß, wie mit dieser Situation umzugehen ist, obwohl diese in Indien wohl kaum ein außergewöhnliches Ereignis darstellt, verstärkt den Eindruck des perfekten Chaos zunehmend.

Doch was man sich als Mitteleuropäer nur schwer vorstellen kann ist in Indien Alltag – ein systematisches Chaos. Um beim Paradebeispiel Zugverkehr zu bleiben: Die Abfahrtszeiten sind bestenfalls unverbindliche Richtwerte. 7 Stunden Verspätung sind keine unglückliche Ausnahme, sondern der landesübliche Richtwert. Und so sind die Wartehallen der indischen Bahnhöfe ein Spiegelbild des gesamten Subkontinents – überfüllt, chaotisch und somit hygienisch in zweifelhaftem Zustand. Es scheint als würden in diesem Land einfach zu viele Personen auf zu wenig Raum ihr Dasein verbringen.

Die Straßen, auch wenn diese Bezeichnung für die einem österreichischen Bergweg ähnelden und mit beachtlichen Terrainunterschieden ausgestatteten Fahrbahnen etwas euphemistisch gewählt  ist, sind quasi ununterbrochen überfüllt, Verkehrsregeln scheinen ebenso wenig zu existieren wie TÜV-Plaketten für die zahlreichen Kleinwägen. Das atmosphärische Treiben auf Indiens Straßen wird untermalt von einem konstanten Hupkonzerrt, gegen das HC Straches neuester Rap wie Beethovens Neunte die Ohren erfreut. Nicht nur die Aufforderungen an den Hecks der Lastwägen, doch bitte beim Überholvorgang zu hupen, vermittlen den Eindruck, dass das Betätigen des Signalhorns hier weniger eine Warnung darstellt, sondern viel mehr zum guten Ton gehört. Ebenso Teil der indischen Mentalität scheint der Drang zur ubiquitären Müllentsorgung zu sein. So gleichen die Straßengräben und Fußwege fast exakt der Vorstellung einer gemeinen europäischen Deponie, mit Ausnahme der nicht existenten Mülltrennung. Das Wort Hygiene scheint im indischen Duden, sofern ein solcher bei über 100 Landessprachen überhaupt existiert, nicht aufzuscheinen. Die Rattenkolonien in den Bahnhofshallen würden das sicher bestätigen. 

So abstoßend dieser Eindruck nun wirken mag, das alles verleiht Indien diesen ganz speziellen Charme, der jeden Besucher in seinen Bann zieht, sobald man die ersten Ekelgefühle erst einmal abgelegt hat. Unordnung und Schmutz sind nicht mehr als die Entspanntheit und Zufriedenheit der indischen Bevölkerung. 

Abgesehen von den fatalen ökologischen Folgen vermittelt dieses scheinbar perfekte Chaos die Seele eines Landes, in dem Globalisierung und Industriegesellschaft mit traditionellen Strukturen und bitterer Armut aufeinanderprallen und so enorme Kontraste und Gegensätze schaffen – Gegensätze, die jeden Schritt durch dieses Land zu einem besonderen machen. 

Breaking the silence – ein Tag in der Westbank

Hilflosigkeit, Mitgefühl, Unverständnis, Aggression – die Liste der negativen Gefühle kann unendlich fortgesetzt werden. Ich sitze im Bus auf der Rückfahrt einer Tagestour in die Westbank von Jerusalem aus. Mit mir 40 weitere Personen, die ebenfalls ungläubig und stimmungstechnisch sichtlich angeschlagen die Geschehnisse Revue passieren lassen.

Israelische Ex-Soldaten geben Einblick in das Leben der Palästinenser unter israelischer Unterdrückung in den South-Hebron-Hills und erzählen von ihren Erlebnissen – so wurde uns die Tour der israelischen NGO angepriesen. Mit großen Erwartungen brach ich auf – und diese wurden noch einmal um Längen übertroffen.

Unser Tourguide, ein junger Typ namens Avna, erzählt uns von seinem Dienst in der israelischen Armee und seinen Erlebnissen in der Westbank. Jedes Wort verursacht Gänsehaut. Er erzählt von Befehlen unschuldige Menschen zu kidnappen, Verhaftungen, willkürlichen Behausungsabrissen und unmenschlichen Behandlungen. Dabei macht er keinen Hehl daraus, dass er die Verantwortung für seine Taten vor einigen Jahren übernimmt. Er war Teil eines Systems, eines System der Ausgrenzung und Unterdrückung. Unsere Tour führt uns auf einen Hügel am südlichen Ende des Westjordanlandes. Ein Ausblick über die vollständige Lage erwartet uns, das Wort herrlich wäre unangebracht. Widerrechtlich erbaute Siedlungen durchschneiden das palästinensische Siedlungsgebiet soweit das Auge reicht. Einfache Hütten dienen als Behausungen für die muslimische Bevölkerung in den besetzten Gebieten. Israelische Behörden sind verantwortlich für die Baugenehmigungen und Wasserversorgung. Vielen kleinen palästinensische Dörfern wird beides verwehrt, sie leben in Zelten und Bretterverschlägen. Wo israelische Siedlungen rechtswidrig entstehen müssen Palästinenser weichen, Generationen werden entwurzelt.

Alles hier gibt zu verstehen: Wir wollen euch nicht in unserem Land.

Wo zwei Volksgruppen ihre Ansprüche auf ein und dasselbe Gebiet, das Westjordanland, beide auf Abraham stützen und Glaubenskriege in territorialen Kriegen kulminieren gilt das Recht des Stärkeren. Martial Law. Kriegsrecht. Palästinenser sind Menschen zweiter Klasse, ihre Kinder können wochenlang legal festgenommen werden. Jeder europäischer Rechtsstandard wird hier mit Füßen getreten. Die Welt schaut weg.
Die Armee dient als Handlanger einer Regierung deren Ziel „das größtmögliche Gebiet mit so wenig wie möglich Palästinensern“ ist. Totale Kontrolle über die palästinensische Bevölkerung wird als einzige Möglichkeit gesehen Sicherheit für den jüdischen Staat zu gewährleisten. Eine 48 Jahre lang andauernde Besetzung und völkerrechtswidrige Annexion der Westbank ist die Folge. Die arabische Bevölkerung lebet hier wie Tiere im Zoo. Im de-facto rechtsfreiem Raum sind jüdische Siedler das Gesetz. Zivile Ordnungshüter werden von der Regierung bezahlt und mit Waffen ausgestattet um die rechtswidrigen israelischen Siedlungen vor Palästinensern zu beschützen. Die Arme dient dabei als rechte Hand. Man vertraut den Siedlern, sie kennen sich besser aus. Willkürliche Verhaftungen und Zerstörung ganzer Dörfer sind die Folge. Unser Guide beschreibt das Vorgehen der Israelis als sogenannte Dreieckskontrolle. Regierung – Armee – Siedler. Sie dienen vereint dem Ziel eines jüdischen Staates auf den Palästinensergebieten. Das ungeschriebene Ziel seit mehr als 40 Jahren: Fakten schaffen – jüdische Bevölkerung auf palästinensischem Gebiet soll spätere Verhandlungen zum Positiven beeinflussen. Palästinenser sollen mit allen Mitteln dazu gebracht werden das Gebiet „freiwillig“ zu verlassen. Sie sind nicht gewollt. Doch der Wille der Menschen ist ungebrochen. Das Dorf Susya hat in den letzten 30 Jahren zweimal seinen Standort gewechselt. 1986 kamen Archeologen und fanden in dem Dorf eine Synagoge. Die Einheimischen mussten weichen, ihre Häuser verlassen. 500 Meter weiter bauten sie wieder auf. Bis die Bulldozer kamen und den Platz für widerrechtliche jüdische Siedlungen schafften. Nun wohnen sie in einfachen Behausungen mit Zeltplanen und spartanischer Einrichtung zwischen den Ausgrabungen und den Siedlungen. Ohne Wasseranschluss, ohne Baugenehmigung. Ständig in der Erwartung, dass die Bulldozer ihre Siedlungen wieder dem Erdboden plattmachen. Von ihren Zisternen und Wasservorräten sind sie durch militärisches Sperrgebiet abgeschnitten, der Zugang zum lebenswichtigen Gut ist von der Willkür israelischer Militärs und dem guten Willen jüdischer Siedler abhängig. Wenn diese den Weg blockieren heißt es Palästinenser gegen Siedler, das Militär verteidigt israelische Interessen. Um nicht zu verdursten müssen sie mühsam aus dem nächsten legalen palästinensischen Ort Wasser holen. Sie bezahlen dafür den 10 fachen Preis wie Israelis, den 15-fachen von subventionierten israelischen Siedlern die mit palästinensischem Wasser ihre von der israelischen Regierung auf palästinensischem Gebiet erbauten Häuser versorgen und Palästinensern dadurch ihr Heimatland entreißen. Die Wasserleitung geht direkt unter den Zelten der Vertriebenen hindurch, unzählige Anträge auf einen Zugang wurden abgelehnt, trotz angebotener Bezahlung. Wo kein Wasser da keine Menschen, wo keine Menschen da kein Widerstand, wo kein Widerstand da Eroberung.

Das Leben der Bevölkerung hier ist menschenunwürdig, perspektivlos, grausam. Wenn ihre Kinder ins nahegelegene alTawani per mühsamem Fußmarsch in die Schule gehen sind sie ständig der Gefahr gewalttätiger Siedler ausgesetzt. Sie beanspruchen das Gebiet des Fußweges, verteidigen ihr nicht vorhandenes Recht mit Steinen. Kinder starben. Israelische Soldaten, die die Schüler verteidigen wollten wurden mit Ketten attackiert, ihre Notwehr in Form von Schüssen in die Luft brachte sie ins Gefängnis. Kollektive Einschüchterung hat hier System. Das Prinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn ist hier noch alltäglich. Begeht ein Palästinenser eine Straftat wird Rache an der ganzen Sippe begangen – kollektive Strafen zählen hier zur Tagesordnung – Einschüchterung im Dienste der Sicherheit. Palästinensische Autos werden fahruntauglich gemacht, Autoschlüssel beschlagnahmt, Straßen verschüttet, Häuser abgerissen, Olivenbäume gefällt und der Zugang zu notwendigen Weiden verwehrt.

Es ist bemerkenswert, welchen Lebenswillen die Menschen in diesen Gebieten noch haben. Die Frage, warum sie nicht schon lange geflohen sind, ihre Heimat besserer Lebensqualität geopfert haben und das Land den Israelis überlassen haben stellt sich unweigerlich. Ich kann sie nicht beantworten. Doch der Konflikt hier liegt offenbar tiefer. Ein Kampf um die Heimat. Ein Kampf um Heiligtümer. Ein Kampf der Religionen. Der Verlierer steht schon lange fest.

Über den Wolken

Über den Wolken, da muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Diese Tatsache hat schon Reinhard Mey erkannt, oder war es Rausweich Juni? Ich verwechsel die beiden immer.

Keine Grenzen – Freiheit – Grenzenlose Freiheit, was kann es schöneres geben?

Gesagt, getan, Flug gebucht. Weihnachten zu Hause, man gönnt sich ja sonst nichts und die Dauerstreiks führen bei Lufthansa offenbar zu Schnäppchenpreisen. Mir solls egal sein, solange sich die Pilotengewerkschaft mit ihren Streiks wenigsten an meinen Stundenplan hält. Nächster unverzichtbarer Termin in meinem Terminkalender ist eine Vorlesung namens „Silvesterfeier in Istanbul, unbedingt 2 Flaschen Hochprozentiges aus Österreich mitbringen“. Komisch, diese Lehrveranstaltungsnamen heutzutage, wofür mich da meine Sekretärin wieder angemeldet hat? Aber ich bin ja schließlich auf Erasmus:

Freiheit – grenzenlose Freiheit.

Sicherheitskontrolle am Flughafeneingang in Ankara. Ich kann die Freiheit schon riechen. Offenbar aber nicht die Kontrolleure. Irgendwas an meinem Koffer scheint sie zu stören.
„Electronic? Electronic? Electronic!“ – „Well, I don’t think that i have anything electronic inside.“ – „Open!“
Ein netter Sicherheitsbeamter analysiert sorgfältig meine persönlichen Gegenstände. Meine Erklärung, am ehesten würde dem gesuchten Objekt das Kamerastativ, die mitgenommene Darabuka (türkische Trommel) oder eventuell noch bei großzügiger Auslegung mein Kamerablitz nahekommen stellen ihn offensichtlich zufrieden. Doch dann: „Fenerbahce! Fenerbahce!“ Der türkische Sicherheitsbeamte hat mein in Ankara erstandenes Trikot des türkischen Traditionsclubs entdeckt und verlautbart diesen Umstand minimalst wahrnehmbar. Ein Kollege eilt panisch quer durch die Abflughalle. Fenerbahce? Ungläubig zieht der bullige Vorzeigetürke das schwarz-gelbe Jersey aus meinem Koffer und hält es schön ausgebreitet in die Luft, begutachtet es von allen Seiten. Sein Blick verrät mir, ohne Zeugen hätte er mir vermutlich mit seinem Galatasaray-Schal die Speiseröhre von Innen gereinigt. Zähneknirschend wird mir großzügigerweise gestattet den Koffer wieder einzuräumen und zu schließen.

Freiheit – grenzenlose Freiheit.

Eine halbe Stunde vor dem planmäßigen Abflug öffnet das Gate. Offenbar das erste Mal seit meinen letzten 4 Flügen innerhalb von 3 Monaten, dass ich tatsächlich in dem von  mir gebuchten Flieger sitzen werde. Ich lasse mich an meinem online-reservierten Fensterplatz 18F nieder. Der etwas gewichtigere Typ nach mir offenbar auch. Zumindest sein rechtes Drittel. Seine Fettschwarten wuchern über die Armlehne wie die Donau beim Jahrhunderthochwasser über ihr Ufer. Mein Wohlfüllevel fällt auf einer Skala von 1-10 auf minus Drei. Sein starkes Nikotinaroma ist nicht zwingend förderlich für diesen Eindruck, die Luftqualität entspricht unvermittelt jener von Peking während der Rush Hour. Sein Raucherhusten befördert elegant kleine Speisereste auf meinen neuen schwarzen Pulli. Ich bin ja normal schon ein Kuscheltyp, heute aber mach ich da eine Ausnahme.

Freiheit – grenzenlose Freiheit.

Endlich. Essen. Seit meinen obligaten 3 Eiern zum Frühstück hab ich nichts mehr im Magen. Die gut aussehende Lufthansa Quotenblondine reicht mir das Festmahl. Was es denn als Hauptspeise gäbe, frage ich ungläubig. Es befinde sich bereits das gesamte Menü auf dem weißen Plastiktablett. Ich suche weiter. Unter einem Stück Alufolie entdecke ich schließlich einen Kötbullar und den Ansatz eines Hühnerfilets, garniert mit Zucchiniextrakt, dazu ein Dutzend Reiskörner. Einsam liegen die nahrungsähnlichen Substanzen in der Schale. Ich exe das Festmahl. Köstlich. So gesättigt war ich nicht mehr, seit ich heute Mittag versehentlich eine Fliege inhaliert habe.

Freiheit – grenzenlose Freiheit.

Gott Sei Dank. Es gibt noch den Getränkewagen. In mir erwacht ein kleiner Hoffnungsschimmer, das mangelnde Sättigungsgefühl zumindest mit einem Gratis-Vollrausch kompensieren zu können. Zum ersten Mal seit 3 Monaten wieder deutsches Bier, das wird ein Genuss. Die gutaussehende Quotenblondine zieht eine Flasche Warsteiner aus dem Kühlfach. Meinem Einwand, ich hätte doch nach Bier verlangt, kann sie nichts abgewinnen. Auch nach der zweiten Flasche ähnelt der Geschmack des Gebräus eher einem Glas Wurstwasser als gutem bayrischem Kellerbier. Der Gerstensaft quält sich die Speiseröhre hinunter wie ein Bandwurm und hinterlässt eine Spur der Zerstörung wie ein Tornado in einer texanischen Kleinstadt. Diese Geschmacksnerven sind unwiederbringlich hinüber. Ich hätte mir nie gedacht, dass ich mich jemals nach türkischem Bier sehnen werde. O du mein Efes – ich vermisse dich, du warst immer treu zu mir und ich habe dich einfach betrogen – gleich 2 Mal – mit irgendso einer billigen deutschen Schlampe, hat noch nicht mal Spaß gemacht.

Freiheit – grenzenlose Freiheit.

Zumindest eine Wirkung zeigt der Gerstensaft, wenn er schon nicht zu meiner Entspannung und meinem Genuss beiträgt – ich muss pissen. Der gewichtige Typ neben mir offenbar nicht. Sein Schnarchen lässt das Gegenteil vermuten. Nach 10 Minuten gelingt es mir, ihn aus seinen Träumen von einer Schweinshaxe und einer Stange Zigaretten zu befreien. Er erhebt sich. Elegant wie eine Abrissbirne verlässt er seinen Platz um mir das Entleeren der Blase zu ermöglichen. Ich öffne die Toilettentür. Ein bestialischer Gestank bahnt sich seinen Weg ins Freie. Den hat offensichtlich schon seit mehreren Monaten niemand mehr rausgelassen. Jetzt ist er frei. Ich zwänge mich durch den schmalen Spalt in der Wand, bei Lufthansa euphemistisch als Tür gekennzeichnet. Nach 5 Minuten habe ich es Dank meinen ausgeprägten koordinativen Fähigkeiten und meinem unvergleichlichen Bewegungstalent  erfolgreich geschafft in dem 0,75 m² Raum meinen Allerwertesten halbwegs zentral auf der Klobrille zu platzieren. Bei einem Transatlantikflug würde der Toiletteneinstieg dank obligater Morgenlatte wohl ein Ding der Unmöglichkeit darstellen, der passgenaue und hauteng anliegende Innenraum des Abkot-Tempels lässt beim Manövrieren auf den Thron keine abstehenden Körperteile zu.

Freiheit – grenzenlose Freiheit.

Der Toilettengang lässt also schon mal keine Entspannung zu, leider erübrigt sich auch mein sonstiges Austretritual (Lesen des Standard auf meinem Smartphone) dank dem schlechten Internetempfang auf 10.000 Metern Höhe. Dabei hatte Doris Bures als Infrastrukturministerin doch den Breitbandausbau gepredigt. Nichts da. Wieder nur Wahlversprechen. Vielleicht kann ich im Flugzeug zumindest noch etwas Schlaf von gestern nachholen. Entspannt lasse ich meine Rückenlehne nach hinten gleiten um  einer waagrechten Schlafposition wenigstens so nahe wie möglich zu kommen. Meine präferierte Embrionalstellung ist ob der knapp konstruierten Flugzeugsessel nur schwer möglich. Schon viel bequemer mit zurückgestellter Lehne. Mein hinterer Sitznachbar widerspricht dieser Einschätzung implizit. Vielleicht sollte ihm mal jemand erklären, dass ein Flugzeugsitz keine Darabuka ist (Sie erinnern sich, türkische Trommel). Egal, die rhythmischen Schläge auf meinem Nacken gehen bei viel gutem Willen als Massagesessel durch. Leider hab ich diesen Willen heute nicht mehr. Unvermittelt bewegt sich die Lehne vor mir kontinuierlich nach hinten. Eigentlich war dieser Raum für meine Knie vorgesehen, meine knappen 1,90 passen halt nur ziemlich schwer in die Economy Class. Meine Knie verlieren das ungleiche Duell gegen die ausgewachsene Flugzeugsitzrückenlehne vom Typ Binford 3000. Mit einem lauten Krachen verabschieden sich meine Kniescheiben und verteilen sich auf eine undefinierbare Masse von Knochenbruchstücken. Der Schmerz lässt mich bewusstlos werden. Endlich habe ich meine Ruhe.

Über den Wolken, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen sagt man, blieben darunter verborgen und dann, würde was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein.