Monat: Oktober 2014

Türkisch Yok

Ohropax? In Ears? Ear-plugs? Schon lange hatte ich das Bedürfnis Activity zu spielen, dass das jedoch ausgerechnet inmitten des Carrefour Marktes im nahegelegenen Einkaufszentrum der Fall sein wird, damit hatte ich nicht gerechnet. Wir befinden uns in der Kategorie „Begriffe erklären“. Die Schwierigkeit dabei, nicht nur der gesuchte Begriff muss bei der Beschreibung vermieden werden,  nein auch die Sprache des Gegenübers wird bei der Erklärung geschickt ausgespart. Mein Mitspieler: Die freundliche Verkäuferin im Carrefour Markt im Einkaufszentrum (nein, ich bin nicht nach Frankreich geflohen und habe da um Asyl angesucht, Globalisierung sei Dank kann ich meinen täglichen Bedarf an Ayran (milchartiges Nationalgetränk, salzig aber schmackhaft) auch in einer französischen Supermarktkette stillen. Der Grund für meinen Besuch in diesem Großmarkt sind eigentlich nicht die silikonhaltigen Ohrstöpsel. Vielmehr ist dieser Supermarkt der einzige Laden im Umkreis einer Flugstunde, in dem Brot erhältlich ist, das nicht bei der ersten Berührung reflexartig einen gasförmigen Zustand annimmt und lediglich ein paar Krümel zurückbleiben. Vollkornbrot bleibt trotzdem ein frommer Wunsch, aber man wird ja bescheiden. Aber wenn ich schon einmal da bin kann ich ja gleich den verzweifelten Versuch unternehmen dem penetranten Zockverhalten meiner Mitbewohner Einhalt zu gebieten und versuchen ein paar geräuschabsorbierende Ohropax zu erstehen. Netter Versuch.

Als ich unerlaubterweise anstatt verbalen Erklärungsversuchen auf die Kategorie Pantomime umgestellt habe, minutenlang mit meinem Finger im Ohr die Aufmerksamkeit sämtlicher Kunden auf mich gezogen habe und mindestens 4 mal das Angebot von Wattestäbchen dankend abgelehnt habe resiginiere ich. Plötzlich verschwindet die Verkäuferin und deutet mir doch zu warten. Ja! Endlich! Es gibt englischsprachige Verkäufer, welche nun gerufen werden! Nice Try, Nice Try.

Statt mit einem Verkäufer kommt die nette Angestellte nun mit ihrem Smartphone wieder und tippt hektisch darauf herum. Plötzlich finde ich mich mit einem nagelneuen Galaxy S5 in der Hand wieder und telefoniere mit einer unbekannten Frau (nein ich stalke nicht). Diese spricht zunächst auf Deutsch  mit mir, anschließend versuche ich auf Englisch zu umschreiben, was ich suche. Trotz dem überraschend gutem Englisch  meines Gesprächspartners höre ich immer nur „i can’t understand you“. Ja so ist das halt mit mir und den Frauen.

Entnervt will ich gerade die Flinte ins sprichwörtliche Korn werfen als plötzlich ein Kommilitone des Weges kommt und die Situation offensichtlich ähnlich lustig findet wie ich. Mein Studienkollege, seineszeichens auch Erasmus Student, besitzt dank seines immensen Ehrgeizes schon etwas bessere Türkischkenntnisse als ich und startet einen letzten ehrenwerten Versuch in der Landessprache, vergeblich. Viel mehr als für einen außenstehenden sicher bühnenreife Kabarettnummer schaut dabei nicht heraus. Ich danke trotzdem für die großartige Hilfe. Ich bedanke mich (auf Türkisch natürlich, dafür reichen meine Kenntnisse gerade noch) und verlasse mit meinem Ayran glücklich aber ohropaxfrei das Einkaufszentrum.

Kommunikation ist schwierig in diesem wunderbaren Land. Es scheint irgendwie niemand wirklich das Bedürfnis zu verspüren die Weltsprache Englisch zu erlernen.

„I don’t care what it means in English, stop thinking in English!“

So die bemerkenswerten Worte unserer Türkischprofessorin als wir verzweifelt nach Übersetzungen der Hieroglyphen auf der Tafel fragen. Stimmt, eigentlich schon ein unverschämtes Verlangen, ich beginne hiermit auf Türkisch zu denken:

***** merhaba **** ***** ******* tamam ********* evet *********
***** **schööle böööle******** tamam **** ***   bira ****** ****** cay ** *********

Ach ja, stimmt, Türkisch, das will ich ja gerade lernen, ja vielleicht bekomm ich ja eine Spontanerleuchtung und die Bedeutungen der Worte fliegen mir im Schlaf zu. Ich könnte es ja mal mit einem Fremdsprachenerlerntanz versuchen – Nein, Gott sei Dank gibt es PONS.

Meine Ohropax habe ich übrigens bekommen, in der Apotheke spielen sie besser Activity. Vielleicht brauche ich sie ja gleich in der nächsten Vorlesung, damit mich der unverständliche in englischartiger Sprache gehaltene Vortrag des Professors der wohlgemerkt englischsprachigen Universität nicht vom Facebook-Surfen und Spiegel-Online Lesen abhält.

Güle Güle

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Surrealer Alltag

Der Dampf des heißen Cays (türkischer Ceylon Tee) steigt in die Morgenlüfte eines kühlen Herbsttages am Campus der ODTÜ auf. In einem gemütlichen Garten eines Cafés sitzt ein immer fleißiger und vor Tatendrang strotzender Student auf dem Abenteuer seines Lebens vor seinem Notebook. Der Herbst hat Einzug gehalten in die anatolischen Hochebenen und so erscheint am Thermometer lediglich die kühle Temperatur von erfrischenden 12 Grad Celsius (für die nicht vorhandenen US-amerikanischen Leser dieses Blogs – nein, ich hab keine Ahnung wie viel Grad das auf der Fahrenheit Skala sind und nein, ich hab auch keinen blassen Dunst, warum sich irgendjemand die Mühe antun würde die Temperatur in Fahrenheit anzugeben). Sich am heißen Becher seines frisch um 18 Eurocent (50 Kurus) erstandenen Tees labend und wärmend sitzt der fälschlicherweise in den massenhaften Ansammlungen von germanischen Austauschstudenten oft für einen Alemannen, bisweilen auch vereinzelt für einen Südbayern gehaltene Alpenbürger und genießt die unvergleichliche Herbststimmung am Campus der ODTÜ. Der Duft von Gözleme zieht vom Nebentisch heran und verursacht leichte Hungergefühle. Bis auf die sich ob der Kälte langsam offenbarenden Taubheitsgefühle in den Fingern eines Blogschreibers ist die Welt im Mikrokosmos der ODTÜ voll mit sich im Reinen.

Unterdessen toben nur wenige Meter von der türkischen Grenze entfernt immer noch erbitterte Kämpfe zwischen den syrischen Kurden und der Terrororganisation des islamischen Staates um die letzte Bastion im Kampf gegen den Vormarsch der ISIS, die Grenzstadt Kobane. Hinter der türkischen Grenze steht das Militär bereit für den Ernstfall, Panzerbrigaden säumen den Weg. Die Türkei befindet sich am Rande eines Krieges. Im Osten des Landes liefern sich überwiegend kurdische Demonstranten Straßenschlachten mit der Polizei, sie fordern die Einrichtung eines Korridors an der syrisch-türkischen Grenze um sowohl personellen Nachschub als auch Waffennachschub in die umkämpfte Grenzstadt zu gewährleisten. Die Welle kollektiver Empörung schwappt selten auch in die westlichen Großstädte der Türkei über, es kommt ebenso zu gewalttätigen Demonstrationen („Mingling“ berichtete). Seit einer Woche ist es in Ankara aber wieder ruhig. Die Kurdengebiete im Osten befinden sich jedoch auf dem Weg in einen Bürgerkrieg. Die türkische Luftwaffe bombadiert Stellungen der Kurdischen Arbeiterpartei PKK nahe der irakischen Grenze. Die Lage droht zu eskalieren. Der 2013 begonnene Friedensprozess und die Waffenruhe zwischen den Kurden und der türkischen Regierung scheint ein jähes Ende zu finden. Gerüchte über die mögliche Wiederaufnahme des Guerillakrieges durch die PKK in der Türkei hallen durch die Medien. Die Politik von Recep Tayyip Erdogan treibt einen tiefen Keil ins Land.

Unterdessen  sitzt der Autor dieser Zeilen immer noch in einem gemütlichen Café am Campus der ODTÜ und bekommt beim Schreiben dieses Beitrags leichte Gänsehaut.

Geht’s dir gut? Ist es bei dir noch sicher? Pass bitte auf dich auf! Wenn das so weiter geht dann komm aber bitte heim!

So oder so ähnlich hören sich die meisten der in letzter Zeit gehäuften Fragen aus der Heimat an. Der zunehmende Konflikt in der Türkei ist auch in den heimischen Medien omnipräsent. Man macht sich Sorgen. Und die wenig hilfreiche und beruhigende Antwort lautet dann meistens: „Ich kann eigentlich nichts dazu sagen, ich fühl mich sicher, bei uns ist es ruhig.“

Das Land in dem ich nun 4 Monate lebe steht an einem politischen Scheidepunkt. Und an seinen Grenzen herrscht Krieg. Der Frieden in der Türkei wird sowohl von innen als auch von außen bedroht, die Politik ist ratlos. Und in Ankara herrscht Business As Usual. Die Studenten schlendern über den Campus,  die Dolmuse kämpfen sich durch den Berufsverkehr und in Kizilay fließt das abendliche Efes in Strömen. (Nein es ist kein Scherz – in diesem bierähnlichen Getränk [in der Türkei auch fälschlicherweise als Bier bezeichnet] ist wirklich Reis enthalten – das deutsche Reinheitsgebot lässt grüßen).

Aber es fühlt sich irgendwie komisch an, der Alltag beherrscht das Leben, aber im irgendwo im Hinterkopf ist der Gedanke einer gewissen Unsicherheit ständig präsent. Alles ist irgendwie surreal – Auf diesen Begriff einigten wir uns bei einem tiefgründigen Gespräch gestern Abend nach zwei Bomonti (Bier – Ja, Reis – Nein, Geschmack – gerade noch akzeptabel, die Bieransprüche in der Türkei werden langsam niedriger).

Surreal, so empfindet man das Leben hier momentan.

Krise, Unsicherheit, Terror, Bomben, Kobane – und der Dampf des heißen Cay steigt in die Morgenlüfte eines  kühlen Herbsttages.

Mach dir keine Sorgen, Mama

„Mach dir keine Sorgen, Mama, ich bin ja meistens auf dem Campus und da ist es sicher immer ruhig. Die Demonstrationen beschränken sich ja auf wenige Orte im Stadtzentrum.“

Das waren ungefähr meine Worte, als eine besorgte Anruferin aus der Heimat einen Lagebericht erbat und ob der politischen Unruhen in der Türkei sich vor bei mir über die Sicherheitslage informieren wollte.
Während also in Kobane, nur wenige Kilometer von der türkischen Grenze entfernt, die Terrormiliz der IS auf dem Vormarsch ist und schon ein Drittel der kurdischen Stadt erobert hat, gehen wir gerade vom an den Campus angrenzenden Einkaufszentrum wieder zurück in die Universität, um unsrer Leidenschaft, dem Lesen von dicken sozialwissenschaftlichen Wälzern, zu frönen. Noch nicht am Tor des mehrere Quadratkilometer umfassenden Campus angekommen, erkennen wir sofort, dass der Zugang zum Campus ohne ernsthafte Verletzungen in Form von Schädelbasisbrüchen oder anderen Platzwunden wohl nur schwer möglich sein wird. Ein Polizeiaufgebot, bei dem sämtliche Besucher des Wiener Akademikerballs neidisch wären, säumt den Eingangsbereich des Campus. Zum ersten Mal in meinem Leben komm ich zum zweifelhaften Vergnügen die Arbeit eines gepanzerten Wasserwerfers aus aller Nähe beurteilen zu können, trotz der Wasserknappheit in Ankara scheint für eine großzügige Fontäne noch genug vorhanden zu sein. Was wir zuerst nur durch die plötzlich einer Schotterstraße ähnelnde asphaltierte Einfahrt vermuten konnten, wird bei näherem Hinschauen deutlich: Der Grund für das Polizeiaufgebot sind ein paar Dutzend motivierte Studenten, welche ihren Unmut über die gesperrte türkisch-syrische Grenze, welche den Nachschub an kurdischen Kämpfern für den Widerstand in Kobane blockiert, durch Kleinkrieg mit der Polizei zum Ausdruck bringen. Sie bilden die Front einer 500 Personen umfassenden Demonstration am Campus der METU. Während man gemeinhin Wasserwerfer als passende Antwort auf Pflastersteinattacken verstehen würde, stellt sich die Kausalkette bei genauerer Recherche anders da. Wie mir mein demonstrierender Mitbewohner versichert, würde wohl das in der Verfassung verankerte Demonstrationsrecht die Exekutive nur am Rande tangieren, welche sich durch dieses Grundrecht nicht daran hindern lässt, unliebsame Demonstrationen gewaltsam aufzulösen. Die Pflastersteinwürfe, welche übrigens dank jahrelanger Übung mit beachtlicher Präzision und Intensität durchgeführt werden, sind somit lediglich als Antwort auf Polizeigewalt zu verstehen. Ob nun einige mit schwerer Munition ausgestattete Spezialeinheiten der Polizei und 3 Wasserwerfer eine notwendige Vorkehrungsmaßnahme bei einer an sich friedlichen Demonstration, welche sich für die Rettung von Menschenleben im Nachbarland einsetzt, ist, kann sich jeder der mittlerweile drei Leser dieses Blogs selbst überlegen. Dass mit diesem Polizeiaufgebot weitere Gewalt der Demonstranten geradezu provoziert wird, scheint die Polizei nicht zu stören. Uns jedoch schon, als wir den Einschlag eines Steines nur wenige Meter von unserem sicher geglaubten Beobachtungsplatz vernehmen. Die rechte Flanke Demonstranten, welche sich über den Campuswald Zugang zur Polizeimeute verschafft hatten, hatten wir übersehen. Das erklärt wohl auch den Einsatz der Wasserwerfer im naheliegenden Gebüsch. Wir hatten bis dahin an eine ungewöhnliche Bewässerungsmethode geglaubt – in der Türkei gewöhnt man sich Hinterfragen schnell ab. Jedenfalls nehmen wir den Steineinschlag zum Anlass uns dezent aber elegant zurückzuziehen und einen neuen Campusbetretversuch beim Seiteneingang zu starten. Dabei erschließen sich uns nun auch  der Grund der eigenwilligen Kopfbedeckungen der unzähligen filmenden Journalisten, welche das Geschehen festhalten. Als plötzlich lautstark einige mit Tränengas gefüllte Knallkörper nur unweit von uns explodieren und eine gewaltige  Rauchwolke sich unserer Fluchtroute nähert, beschließen wir einstimmig, unser gemächliches Beobachtungstempo stetig zu steigern um unseren Lungen den zweifelhaften Genuss von Tränengas zu ersparen. So weit geht unser Wille türkische Kultur und Lebensweise kennen zu lernen auch wieder nicht. Unserer Gesundheit zu Liebe verlassen wir die Gefahrenzone. Denn wir wollten ja eigentlich noch dicke sozialwissenschaftliche Wälzer lesen.

Behördenwillkür

Nein ich will mich nicht über alles beschweren und nun schon mit einem zweiten Beitrag sämtliche Leser dieses Blogs mit den Vorgängen in türkischen Behörden nerven (die beiden haben sicher schon Probleme genug, wenn sie Zeit finden die größtenteils inhaltsleeren Zeilen eines JUS/Politikstudenten zu lesen). Ziel des Beitrags ist es ausnahmsweise auch nicht, mit maßlosen Übertreibungen Mitleidbekundungen in Form von müdem Lachen zu ernten. Ausnahmsweise wird in den folgenden Zeilen in für mich ungewohnter Weise sachlich über die Behördenwillkür in der Türkei geschrieben.

Behördenwillkür – das klingt wie ein Wort, das man mit Ausnahme von Bauverhandlungen in entlegenen Tiroler Bergdörfern, eigentlich in Europa, und als Teil dessen will sich ja nicht nur die Türkei sehen, nicht erwarten würde. Die Vorgänge, welche in der Polizeistation Ankara rund um die Erteilung von Aufenthaltsgenehmigungen für hilflose Erasmus Studenten geschehen, lassen diesen Begriff jedoch nicht nur treffend sondern auch notwendig erscheinen.

Die Geschehnisse nehmen beim Antrag auf eine Aufenthaltsgenehmigung, den alle in der Türkei studierenden Studenten und Innen stellen müssen, ihren Ausgang. Wie für sämtliche schmerzresistente Leser mit zu viel Tagesfreizeit schon aus dem letzten Post erkennbar war, muss dieser Antrag bei der örtlichen Polizeistation gestellt werden, und das ob der begrenzt verfügbaren Kapazität in der Morgendämmerung, um eine der begehrten Nummern zu erhalten, welche dazu berechtigen einige Stunden später den Antrag abzugeben. Die Antragstellung muss ferner innerhalb eines Monats ab Einreise erfolgen, um sich nicht als Illegaler im Land aufzuhalten, die ständige Gefahr eines die Abschiebung fordernden Facebook-Posts von HC Strache vor Augen. Realistischerweise dürfte sich die Folge der Illegalität auf eine Geldstrafe beschränken, aber immerhin.
Dieser Antrag hat unter anderem auch einen Nachweis über eine bestehende Versicherung zu erhalten. So weit, so langweilig. Während dies für alle gesetzlich Versicherten aus ausgewählten Mitteleuropäischen Ländern ob der Verfügbarkeit von Auslandskrankenscheinen eine zu meisternde Hürde darstellt, stoßen privat Versicherte hier auf einer Herausforderung. Wie von unseren türkischsprachigen Hoststudenten, ohne diese ob der beschränkt vorrätigen Fremdsprachenkenntnisse der Behördenmitarbeiter Informationseinholung de facto unmöglich wäre, in Erfahrung gebracht, müssen Privatversicherte einen Nachweis erbringen, dass die Versicherung die Behandlungskosten in der Türkei übernehmen würde. Als Nachweis sollte eine übersetzte Polizze reichen.
Und mit diesen Unterlagen erhielten viele Studenten in der ersten Woche der Antragstellungen auch tatsächlich ihre Residence Permit und dürfen sich glücklich schätzen, dass ihr Stundenplan eine frühe Antragstellung möglich gemacht hat.

Eine Woche später haben sich die Voraussetzungen für die Residence Permit nämlich urplötzlich und unangekündigt verändert. Wie aus dem vertrauenswürdigen Facebook-Post eines verzweifelten Kommilitonen erkennbar,  reicht urplötzlich eine übersetzte Versicherungspolizze nicht mehr aus. Nunmehr sei plötzlich eine Version von einer türkischen Niederlassung der Versicherung erforderlich. Wessen Gesellschaft eine solche nicht besitzt (was wohl für den Großteil europäischer Versicherungsinstitute der Fall sein wird), darf das türkische Sozialsystem mit dem Abschluss einer türkischen Versicherung zwangsernähren, obwohl die bereits abgeschlossene kostenintensive heimische Versicherung sämtliche Leistungen übernehmen würde.

Die Konsequenz dieser willkürlichen Anforderungsänderung, welche zusätzlich jeder sachlichen Rechtfertigung entbehrt, ist nicht nur, dass man in den zweifelhaften Genuss eines erneuten Besuchs der Polizeistation um 5 Uhr morgens kommt.
Nein, zusätzlich darf man sich auch die heimische Versicherungspolizze in einem schönen Eichenholzrahmen übers Bett hängen oder alternativ nach Rückkehr den Kamin damit entzünden, einen anderen Zweck scheint sie nicht mehr zu haben.
Ebenso darf man von der durch hart zu erarbeitende Studienerfolge erhaltenen Erasmus Förderung nun anstatt Wasser und Brot gezwungenermaßen eine türkische Versicherung erstehen.
Vor allem aber verzögert sich durch diese willkürliche Änderung der Vergabepolitik nun die Antragstellung auf unbestimmte Zeit, da die Ausforschung eines Versicherungsinstituts ebenso wie die Rehablitationsmaßnahmen nach spontanem Wutanfall sowie die Verwahrung in einer türkischen Zelle nach verzweifelter Verbalattacke auf einen Behördenmitarbeiter einige Tage in Anspruch nehmen.

Genau diese Zeit besteht eben nicht, da die meisten der verzweifelt um eine Aufenthaltsgenehmigung betenden Studenten, ob der umfangreichen Vorbereitungen schon am Ende ihrer Frist stehen und die Vorgänge auf der Polizeistation ob des großen Andrangs mittlerweile menschenunwürdige Zustände erreichen (Aggressive Beamte, Drängelnde und Stoßende Personen, schreiende Kinder und panikende Frauen).  Eine Nummer zu erhalten ist nur mehr mit mehreren Tagen Anlaufzeit möglich.

Und so haben mittlerweile einige mir namentlich bekannte Mitstudenten ihre Frist bereits versäumt und befinden sich illegal in einem europäischen Land – unverschuldet. Das Universum bzw. die türkische Behördenwillkür war gegen sie. Bis sie tatsächlich die Genehmigung erhalten weiterhin im Land zu bleiben können Tage oder Wochen vergehen.

Postosmanischer Darwinismus

Klirrende Kälte, die Stickstoffpartikel der Atemluft verwandeln sich in der eisigen Morgenluft zu grauen Rauchschwaden. Eine Gruppe fremder Reisender auf der Suche nach verschollenem Wissen verharren zitternd auf dem Trottoir irgendwo in den einsamen Gassen einer kleinasiatischen Stadt. Unter diesen offensichtlich etwas verstört wirkenden Personen, irgendwo im vorderen Drittel dieser den Straßenrand säumenden Ansammlung von Menschen, befinde ich mich. Fröstelnd ob der wiederholt falschen Kleidungswahl klammere ich mich an einen Becher heißen Tee, wie eine angehende Moorleiche an den letzten Grashalm.  Meine Körpertemperatur erreicht im Morgengrauen wieder Pluswerte. Die Ansammlung von Menschen aus verschiedenen fremden Kulturen irgendwo auf dem Gehsteig in der einsamen Straße beginnt ebenso größer zu werden, wie die Gewissheit, mit dem Tausch kalter Gehsteig gegen warmes Bett ein schlechtes Geschäft gemacht zu haben. Als sich mit zunehmend verstrichener ereignisarmer Zeit einem nicht geringen Teil der wartenden Individuen merklich die Frage nach dem Sinn des Lebens aufdrängt und der anfänglich vorhandene Humor über diese schier aussichtslose und triste Situation blanker Resignation und Melancholie weicht, ist irgendwo in der Ferne ein metallisches Knarren zu öffnen. Während die Fremden der wartenden Gruppe dies als Fata Morgana infolge schleichender Dehydrierung interpretieren, sind nur die Ältesten der Gruppe (im konkreten Fall die einheimischen Reisebegleiter) fähig den Signalen die richtige Bedeutung beizumessen. Unmissverständlich geben sie ihren Weggefährten zu verstehen, dass der Moment naht, der Moment, der unser aller Leben nachhaltig ändern sollte.

Und dann: Unvermittelt  öffnet das Tor der Träume seine Pforten und die versammelte Masse beginnt sich hektisch in Richtung der Pförtner zu bewegen. Doch ein mysteriöser Torbogen, welcher sich später als Security Check herausstellen sollte, versperrt ihnen den Weg. Schnell bahne ich mir ebenso wie einige meiner Gefährten den Weg durch die von Wächtern versperrten Tore. Doch der Erfolg ist nur von kurzer Dauer. Unvermittelt setzt unser osmanischer Reisebegleiter zum Sprint an – seine Aufforderung es ihm gleichzutun folgt unmittelbar. Plötzlich stellt sich heraus, dass sein weißer Trainingsanzug inklusive passendem Schuhwerk, welcher wenige Minuten vorher am Trottoir noch zweifelsfrei als modischer Griff ins Klo zu beurteilen war, sich nun als taktische Meisterleistung und genialer Schachzug entpuppt. Ebenso offenbart es sich sogleich, dass die Aufforderung bei Öffnung der Tore statt einem gemütlich Stechschritt die Gangart des Vollsprints für den Weg in die Räumlichkeiten hinter dem Tor zu wählen, wohl nicht ein morgendlicher und deswegen der Schläfrigkeit geschuldet zweifelhaft amüsanter Witz sondern tatsächlich ein konstruktiver Rat war, und deswegen das müde Lächeln der Gruppe Fremder, offensichtlich die falsche Reaktion auf diese Aussage darstellte.

Der geübte Antritt unseres Reiseführers lässt mich nur noch einen Schatten seiner Silhouette erhaschen und so setze ich ebenso zum frühmorgendlichen Vollsprint an. Ich laufe mit geballter Kraft dem Ziel, einer im Inneren der einer Festung gleichenden Polizeistation liegenden Halle, entgegen, wie Usuain Bolt der Ziellinie, HC Strache dem nächsten Zeltfest oder Rainer Calmund dem All-you-can-eat Buffet im Hotelrestaurant. Gerade noch erhasche ich einen Blick von meinem weißgekleideten Pacemaker. Allen Ellbogenschlägen, Hieben und Bodycheckversuchen zum Trotz verteidige ich meine Position beim Sturm auf die begehrten Plätze im Warteraum einer türkischen Sicherheitsbehörde. Diese nicht gerade prickelnd klingende Destination lockt uns alle in diesen Tagen in den Morgenstunden aus den Betten um unseren Aufenthaltsstatus mit einer sogenannten „Residence Permit“ während unseres Studienaufenthaltes in Ankara zu legalisieren. Diesem Ansturm lernbereiter  und täglich motiverter Jungakadamiker scheint die Behördenstruktur im postosmanischen Reich nicht standhalten zu können. Und so trägt es sich zu, dass bereits wenige Minuten nach Öffnung der Behörde um 8 (also nach vollen zwei Stunden Wartezeit in der arktischen anatolischen Nacht) die begehrten Plätze, welche einem gestatten beinahe den ganzen Tag am kühlen Boden einer spartanisch eingerichteten administrativen Abteilung dahinzuvegetieren um auf einen spontanen Arbeitsmotivationsschub eines pragmatisierten, vorwiegend männlichen osmanischen Öffentlich-Bediensteten, der in der Regel der englischen Sprache wenig bis überhaupt nicht mächtig ist, zu warten und dabei das Schauspiel der Arbeitsteilung in einer türkischen Behörde beobachten zu können. Diese Organisationsstruktur beschränkt sich im wesentlichen auf die Annahme der Anträge durch erwähnte vorwiegend männliche pragmatisierte Beamte, zu deren Aufgabenbereich ebenso das Verweisen auf den Zahlungsschalter 850m nordostwärts im hinteren Trakt, erreichbar durch einen 20-minütigen Fußmarsch mit festem Schuhwerk, zählt. Anschließend wird der Zahlungsbeleg und eben der Antrag nun schon zum zweiten Mal in die Hand der Schalterbeamten genommen nur um nach einem kurzen Vollständigkeitscheck die übrigens zwingend pinke Mappe (!), Recherchen zufolge dürfte es sich dabei um den seltenen aber universell passenden Farbton „Altrosa“ handeln, den etwa drei Dutzend Verwaltungsbeamten und Innen im selben Raum zu übergeben, welche anschließend auf knapp 20 Quadratmetern ein unvergleichliches Schauspiel von Rollenverteilung, gegenseitiger Kontrolle und perfekt aufgeteilter Arbeitsschritte darbieten, welches jeden Apidologen (Bienenkundler, Anm. d. Red.) in Neid erblassen lässt (so wird der essentiell wichtige Schritt „Passfotos zuschneiden und aufkleben“ von zwei Männern in den Mitfünfzigern nahezu in Perfektion verübt, welche sich von der Tatsache, dass im Büro nur eine Schere und ein Klebestift vorhanden ist, nicht nehmen lassen, jeden dieser zwei Schritte in harmonischer Zweisamkeit gemeinsam auszuführen).  Und so werden die Anträge in unvergleichlicher Effizienz  auf engstem Raum eindrucksvoll bearbeitet, was die Tatsache, dass das Computerzeitalter in diese administrative Einheit allem Anschein nach noch nicht vorgedrungen ist (ich zähle insgesamt einen Bildschirm auf einem der 10 Schreibtische, dessen Funktionsfähigkeit oder Nutzungsstatistik wurde nicht überprüft), sofort vergessen lassen.

Und so verlasse ich stolz um 11:30 das Polizeigebäude als zweiter unserer Gruppe mit erfolgreich erhaltener Aufenthaltsbewilligung. Dass ich aus Solidarität mit einigen weiteren wartenden Leidensgenossen, welche auf Grund einer Behördensperrung auf Grund plötzlich auftretenden Hungergefühls bei den eben erwähnten hart arbeitenden vorwiegend männlichen Öffentlich-Bediensteten (Experten mögen so etwas als Mittagspause bezeichnen) zwischen 12 und 13 Uhr das Gebäude verlassen müssen, ungeachtet dessen, dass ihr Antrag sich gerade in Bearbeitung befand, noch bis 13 Uhr 30 in beziehungsweise um die Behörde verweile, darf das Bild einer eindrucksvoll effizient arbeitenden türkischen Verwaltungsbehörde freilich nicht trüben.