Solidarität

Geschlossene Türen – verlorene Hoffnung

Menschenmassen am Taksimplatz. Einkaufstaschen teurer italienischer und französischer Modemarken soweit das Auge reicht. Das Zentrum des Nachtlebens Istanbuls pulsiert, auch im kühlen Spätherbst. Die türkische Oberschicht vermischt sich mit unzähligen Touristen zu einer großen Menschenmasse. So unterschiedlich die Wege dieser ganzen Menschen auch sind, sie alle eint vermutlich eines: Sie wissen in welchen vier Wänden sie die kühle Nacht verbringen können.

Fast verschluckt von der Menschenmasse aber dennoch nicht zu übersehen kauern sie am Straßenrand, unter Baugerüsten und in Hauseingängen. Unzählige einfach bekleidete Menschen, nicht wissend wie sie die Nacht, geschweige denn wie sie die nächsten Tage überleben sollen. Viele Frauen haben Kinder und Babies, stillen sie auf der Straße. Touristen und Einheimische werden um Geld gebeten, man kann es ihnen nicht verdenken. Sie verlangen keinen Luxus, sie wollen das nackte Überleben. Ängstlich und unsicher blicken mich die feuchten Augen eines Kindes am Gehsteigrand an. Mit einer Hand voll zum Verkauf stehender Taschentücher nebenan am Gehsteig, die 20 Eurocent pro Packung müssen für eine Mahlzeit reichen. Die Geschichte, die mir das Kind mit diesem hilflosen Blick erzählen will, würde uns mit ziemlicher Sicherheit nicht nur unendlich traurig und mitfühlend, sondern auch empört und entsetzt machen.

Geflohen vor dem Krieg, mit nichts anderem in Besitz als den paar Stück schmutzigen Kleidern am Körper, fanden sie Zuflucht und Schutz vor Verfolgung. Während in Syrien Minderheiten, andere Religionen und Regimekritiker von mehreren Seiten verfolgt werden und die Flucht vor der Diktatur sie direkt in die Hände des Terrors des islamischen Staats treibt, ist ihre einzige Hoffnung die Grenze zur Türkei. Dort erhalten sie Sicherheit. Der Grenzzaun sichert ihnen das Überleben, das bloße Überleben, mehr aber auch nicht. Über 1,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien hat die Türkei seit Beginn der Unruhen aufgenommen. Im Libanon sind es 200.000 mehr. Während der Libanon damit mehr als 25% seiner Landesbevölkerung als Flüchtlinge aufnimmt, ist dieser Prozentsatz bei der Türkei naturgemäß geringer. Nichts desto trotz: 1,5 Millionen Menschen leben, weil die Türkei ihre Grenzen öffnete. 1,5 Millionen Menschen haben zwar keine Besitztümer oder Behausungen mehr, aber sie leben.

1,5 Millionen Menschen fanden in der Türkei Schutz – in der gesamten EU sind es 130.000. Österreich gewährt bis dato 3500 Menschen Schutz – 1 Flüchtling auf 3000 Bürger – bei jedem einzelnen mehr gibt es kollektive Empörung – man helfe ja gern, aber bitte nicht im eigenen Land.

Die Festung Europa ist unerreichbar. Die Tore geschlossen. Stacheldrahtzaun und Grenzschutz gegen verfolgte, dem Tode geweihte Flüchtlinge. Solidarität und Mitmenschlichkeit hören an der EU-Außengrenze auf.

So versammeln sie sich in Istanbul, vor den Toren Europas. Mit der Hoffnung auf ein besseres Leben, ein Leben in Sicherheit, mit der Hoffnung auf die Gewissheit am nächsten Morgen wieder aus dem Schlaf zu erwachen. Die Europäische Union schaut zu, man kann ja schließlich nicht jedem helfen. Sollen sie halt nach Europa kommen und um Asyl ansuchen, aber bitte nicht mit dem Boot, und naja, den läppischen Grenzzaun in Griechenland, den gibts ja auch noch. Und sind die Flüchtlinge erst mal in Europa, dann sollten sich bitte doch die Länder an den Außengrenzen darum kümmern. Griechenland und Italien sind verantwortlich, damit hat Brüssel doch nichts zu tun.

Die Massen an Flüchtlingen, welche die Straßen der türkischen Großstädte säumen sind das Symbol für das kollektive Versagen der Europäischen Flüchtlingspolitik. Wenn Egoismus und Kaltherzigkeit mit einem Bild dargestellt werden sollte, man würde dieses an unzähligen türkischen Straßenecken finden.

Die reichste Region der Erde schaut weg, wenn vor seiner Haustür Menschen verfolgt werden und Hunger leiden. Man stiehlt sich aus der Verantwortung. Man verweist schließlich auf Dublin 2.

Das Dublin 2 Abkommen: Der Inbegriff der fehlgeschlagenen europäischen Integration und Identität. Eine Europäische Sozialgemeinschaft ohne Solidarität. Integration ohne Lastverteilung. Für ein Asylverfahren sei laut diesem Vertragswerk jener Staat verantwortlich, über den der Flüchtling als erstes in EU-Gebiet einreist. Sämtliche Flüchtlinge können wieder in diesen Staat zurückgeführt, sprich abgeschoben werden. Die ganze Last des europäischen Asylwesen liegt auf den Schultern der wenigen ärmeren Ländern an den EU-Außengrenzen. Diese sind logischerweise auf sich allein gestellt nicht dazu in der Lage, dem Ansturm Herr zu werden. Die Grenzen werden verriegelt. Die EU verbarrikadiert sich vor ihrem neuen Feind: notleidenden und verfolgten Flüchtlingen.

Diese Vorgangsweise, die auf den ersten Blick wie ein schlechter Aprilscherz anmutet, ist Realität. Die Europäische Gemeinschaft hört dort auf, wo es darum geht Menschen Schutz vor Verfolgung zu bieten. Eine Organisation, die für sich in Anspruch nimmt, ihre Werte und Prinzipien in der ganzen Welt verbreiten zu wollen, entzieht sich komplett der Verantwortung, wenn es um Menschlichkeit geht. Wie nur ein einziger Unterzeichner dieses Dublin 2 Abkommens noch ruhig schlafen kann ist mir unerklärlich.

Während die Türkei für ihr Verhalten im Syrien Konflikt kritisiert wird, schafft es die reiche europäische Union nicht einmal ein Zehntel der Flüchtlinge der Türkei aufzunehmen. Ein Armutszeugnis für europäische Solidität und Mitmenschlichkeit.

Ist uns unser hoher Lebensstandard so wichtig, dass wir akzeptieren können, Menschen vor unserer Haustür verhungern oder ertrinken zu lassen? Fürchten wir uns so vor dem Unbekannten, dass wir Menschen alleine lassen, wenn sie in Not sind?

Offenbar ja.