Erasmus

Über den Wolken

Über den Wolken, da muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Diese Tatsache hat schon Reinhard Mey erkannt, oder war es Rausweich Juni? Ich verwechsel die beiden immer.

Keine Grenzen – Freiheit – Grenzenlose Freiheit, was kann es schöneres geben?

Gesagt, getan, Flug gebucht. Weihnachten zu Hause, man gönnt sich ja sonst nichts und die Dauerstreiks führen bei Lufthansa offenbar zu Schnäppchenpreisen. Mir solls egal sein, solange sich die Pilotengewerkschaft mit ihren Streiks wenigsten an meinen Stundenplan hält. Nächster unverzichtbarer Termin in meinem Terminkalender ist eine Vorlesung namens „Silvesterfeier in Istanbul, unbedingt 2 Flaschen Hochprozentiges aus Österreich mitbringen“. Komisch, diese Lehrveranstaltungsnamen heutzutage, wofür mich da meine Sekretärin wieder angemeldet hat? Aber ich bin ja schließlich auf Erasmus:

Freiheit – grenzenlose Freiheit.

Sicherheitskontrolle am Flughafeneingang in Ankara. Ich kann die Freiheit schon riechen. Offenbar aber nicht die Kontrolleure. Irgendwas an meinem Koffer scheint sie zu stören.
„Electronic? Electronic? Electronic!“ – „Well, I don’t think that i have anything electronic inside.“ – „Open!“
Ein netter Sicherheitsbeamter analysiert sorgfältig meine persönlichen Gegenstände. Meine Erklärung, am ehesten würde dem gesuchten Objekt das Kamerastativ, die mitgenommene Darabuka (türkische Trommel) oder eventuell noch bei großzügiger Auslegung mein Kamerablitz nahekommen stellen ihn offensichtlich zufrieden. Doch dann: „Fenerbahce! Fenerbahce!“ Der türkische Sicherheitsbeamte hat mein in Ankara erstandenes Trikot des türkischen Traditionsclubs entdeckt und verlautbart diesen Umstand minimalst wahrnehmbar. Ein Kollege eilt panisch quer durch die Abflughalle. Fenerbahce? Ungläubig zieht der bullige Vorzeigetürke das schwarz-gelbe Jersey aus meinem Koffer und hält es schön ausgebreitet in die Luft, begutachtet es von allen Seiten. Sein Blick verrät mir, ohne Zeugen hätte er mir vermutlich mit seinem Galatasaray-Schal die Speiseröhre von Innen gereinigt. Zähneknirschend wird mir großzügigerweise gestattet den Koffer wieder einzuräumen und zu schließen.

Freiheit – grenzenlose Freiheit.

Eine halbe Stunde vor dem planmäßigen Abflug öffnet das Gate. Offenbar das erste Mal seit meinen letzten 4 Flügen innerhalb von 3 Monaten, dass ich tatsächlich in dem von  mir gebuchten Flieger sitzen werde. Ich lasse mich an meinem online-reservierten Fensterplatz 18F nieder. Der etwas gewichtigere Typ nach mir offenbar auch. Zumindest sein rechtes Drittel. Seine Fettschwarten wuchern über die Armlehne wie die Donau beim Jahrhunderthochwasser über ihr Ufer. Mein Wohlfüllevel fällt auf einer Skala von 1-10 auf minus Drei. Sein starkes Nikotinaroma ist nicht zwingend förderlich für diesen Eindruck, die Luftqualität entspricht unvermittelt jener von Peking während der Rush Hour. Sein Raucherhusten befördert elegant kleine Speisereste auf meinen neuen schwarzen Pulli. Ich bin ja normal schon ein Kuscheltyp, heute aber mach ich da eine Ausnahme.

Freiheit – grenzenlose Freiheit.

Endlich. Essen. Seit meinen obligaten 3 Eiern zum Frühstück hab ich nichts mehr im Magen. Die gut aussehende Lufthansa Quotenblondine reicht mir das Festmahl. Was es denn als Hauptspeise gäbe, frage ich ungläubig. Es befinde sich bereits das gesamte Menü auf dem weißen Plastiktablett. Ich suche weiter. Unter einem Stück Alufolie entdecke ich schließlich einen Kötbullar und den Ansatz eines Hühnerfilets, garniert mit Zucchiniextrakt, dazu ein Dutzend Reiskörner. Einsam liegen die nahrungsähnlichen Substanzen in der Schale. Ich exe das Festmahl. Köstlich. So gesättigt war ich nicht mehr, seit ich heute Mittag versehentlich eine Fliege inhaliert habe.

Freiheit – grenzenlose Freiheit.

Gott Sei Dank. Es gibt noch den Getränkewagen. In mir erwacht ein kleiner Hoffnungsschimmer, das mangelnde Sättigungsgefühl zumindest mit einem Gratis-Vollrausch kompensieren zu können. Zum ersten Mal seit 3 Monaten wieder deutsches Bier, das wird ein Genuss. Die gutaussehende Quotenblondine zieht eine Flasche Warsteiner aus dem Kühlfach. Meinem Einwand, ich hätte doch nach Bier verlangt, kann sie nichts abgewinnen. Auch nach der zweiten Flasche ähnelt der Geschmack des Gebräus eher einem Glas Wurstwasser als gutem bayrischem Kellerbier. Der Gerstensaft quält sich die Speiseröhre hinunter wie ein Bandwurm und hinterlässt eine Spur der Zerstörung wie ein Tornado in einer texanischen Kleinstadt. Diese Geschmacksnerven sind unwiederbringlich hinüber. Ich hätte mir nie gedacht, dass ich mich jemals nach türkischem Bier sehnen werde. O du mein Efes – ich vermisse dich, du warst immer treu zu mir und ich habe dich einfach betrogen – gleich 2 Mal – mit irgendso einer billigen deutschen Schlampe, hat noch nicht mal Spaß gemacht.

Freiheit – grenzenlose Freiheit.

Zumindest eine Wirkung zeigt der Gerstensaft, wenn er schon nicht zu meiner Entspannung und meinem Genuss beiträgt – ich muss pissen. Der gewichtige Typ neben mir offenbar nicht. Sein Schnarchen lässt das Gegenteil vermuten. Nach 10 Minuten gelingt es mir, ihn aus seinen Träumen von einer Schweinshaxe und einer Stange Zigaretten zu befreien. Er erhebt sich. Elegant wie eine Abrissbirne verlässt er seinen Platz um mir das Entleeren der Blase zu ermöglichen. Ich öffne die Toilettentür. Ein bestialischer Gestank bahnt sich seinen Weg ins Freie. Den hat offensichtlich schon seit mehreren Monaten niemand mehr rausgelassen. Jetzt ist er frei. Ich zwänge mich durch den schmalen Spalt in der Wand, bei Lufthansa euphemistisch als Tür gekennzeichnet. Nach 5 Minuten habe ich es Dank meinen ausgeprägten koordinativen Fähigkeiten und meinem unvergleichlichen Bewegungstalent  erfolgreich geschafft in dem 0,75 m² Raum meinen Allerwertesten halbwegs zentral auf der Klobrille zu platzieren. Bei einem Transatlantikflug würde der Toiletteneinstieg dank obligater Morgenlatte wohl ein Ding der Unmöglichkeit darstellen, der passgenaue und hauteng anliegende Innenraum des Abkot-Tempels lässt beim Manövrieren auf den Thron keine abstehenden Körperteile zu.

Freiheit – grenzenlose Freiheit.

Der Toilettengang lässt also schon mal keine Entspannung zu, leider erübrigt sich auch mein sonstiges Austretritual (Lesen des Standard auf meinem Smartphone) dank dem schlechten Internetempfang auf 10.000 Metern Höhe. Dabei hatte Doris Bures als Infrastrukturministerin doch den Breitbandausbau gepredigt. Nichts da. Wieder nur Wahlversprechen. Vielleicht kann ich im Flugzeug zumindest noch etwas Schlaf von gestern nachholen. Entspannt lasse ich meine Rückenlehne nach hinten gleiten um  einer waagrechten Schlafposition wenigstens so nahe wie möglich zu kommen. Meine präferierte Embrionalstellung ist ob der knapp konstruierten Flugzeugsessel nur schwer möglich. Schon viel bequemer mit zurückgestellter Lehne. Mein hinterer Sitznachbar widerspricht dieser Einschätzung implizit. Vielleicht sollte ihm mal jemand erklären, dass ein Flugzeugsitz keine Darabuka ist (Sie erinnern sich, türkische Trommel). Egal, die rhythmischen Schläge auf meinem Nacken gehen bei viel gutem Willen als Massagesessel durch. Leider hab ich diesen Willen heute nicht mehr. Unvermittelt bewegt sich die Lehne vor mir kontinuierlich nach hinten. Eigentlich war dieser Raum für meine Knie vorgesehen, meine knappen 1,90 passen halt nur ziemlich schwer in die Economy Class. Meine Knie verlieren das ungleiche Duell gegen die ausgewachsene Flugzeugsitzrückenlehne vom Typ Binford 3000. Mit einem lauten Krachen verabschieden sich meine Kniescheiben und verteilen sich auf eine undefinierbare Masse von Knochenbruchstücken. Der Schmerz lässt mich bewusstlos werden. Endlich habe ich meine Ruhe.

Über den Wolken, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen sagt man, blieben darunter verborgen und dann, würde was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein.

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