Monat: Februar 2015

WM im Winter? Warum nicht!

Ein großer medialer Aufschrei: Die Fußballweltmeisterschaft 2022 wird im November und Dezember stattfinden, das Finale am Vortag von Heiligabend. Europa äußert seinen Unmut, Rücktrittsforderungen und Boykottaufrufe.

Eine WM im Winter? Nicht mit uns, das geht nicht.

Ich sage: Das geht! Warum denn nicht? Wir können im November auch unserem Club zujubeln, also warum nicht auch unserer Nationalelf? Auch mit Glühwein in der Hand bin ich fähig beim Public Viewing auf eine Leinwand zu glotzen und auch mit Schnee auf dem Balkon funktioniert mein Fernseher zu Hause. WM im Sommer – Das ist Tradition? Fragen Sie mal bei den Brasilianern oder Australiern nach, da ist im Sommer Winter.

WM im Winter? Natürlich geht das!

Was allerdings nicht geht sind korrupte FIFA Funktionäre, die unseren Sport für Geld verkaufen.
Was nicht geht sind autoritäre Regime, die den Fußball dazu missbrauchen sich gezielt zu inszenieren um weiterhin ihr Volk unterdrücken zu können.
Was aber vor allem nicht geht ist eine Scheindiskussion über Bier oder Glühwein zu führen, die von den wirklichen Problemen bei einer WM 2022 in Katar ablenkt. Eine Diskussion über die Vereinbarkeit von Fußball und Weihnachtsstress, die vergessen lässt, dass unser Fußball und sein Verband bis zum Hals in Dreck stecken, der irgendwann so hoch steigen wird, dass der Sport darin erstickt und zu Grunde geht, wenn nicht so schnell wie möglich eine Revolution in der FIFA geschieht, die dieses korrupte Gebilde bis auf seine Grundfeste erschüttert. Ob nun mit Glühwein oder Bier.

Kommentar eines Fußballjunkies

Das Angebot bestimmt die Nachfrage – Wie viel ist ein Menschenleben wert?

Kann man die Bedeutung eines einzelnen Menschenlebens in Zahlen darstellen? Ist es zulässig Menschen in Geld zu bewerten? Sind wir alle gleich viel wert? Gibt es besonders wertvolle Exemplare? Gibt es Ausschussware im Sonderangebot? Sinkt der Wert eines Menschen bei zu viel Angebot? Wenn wir zu viele Menschen haben, bezahlen wir irgendwann dafür um keine zusätzlichen Exemplare mehr zu erhalten? Wie viel ist ein Mensch genau wert? Und für wen ist er wie viel wert? Und wer bezahlt dafür?

1000 Euro – der Wert eines Menschen, genauer gesagt weniger als 1000 Euro. Jedenfalls der Wert eines Menschenlebens für die Europäische Union. 1000 Euro für die Rettung eines Menschenlebens – zu viel für die Europäische Union. Das Angebot bestimmt die Nachfrage. Menschen gibt es in der EU genug, das drückt den Preis.

Menschen gibt es genug, Menschlichkeit nicht.

Über 100.000 Menschenleben (in Worten: einhunderttausend) konnten mit der Mare Nostrum Mission der italienischen Marine im Jahre 2014 gerettet werden, die Mission kostete 9 Millionen Euro im Monat, 108 Millionen Euro im Jahr, zu viel für Europa. Italien forderte eine finanzielle Beteiligung europäischer Ländern, „man habe kein Geld“ war die Antwort. Italien stellte die Mission ein.

108 Millionen Euro sind ein zu hoher Preis für die Rettung von 100.000 Menschenleben. Das sind rund 1000 Euro pro gerettetem Mensch. Ist es zulässig Menschen in Geld zu bewerten? Offensichtlich schon. Wie hoch ist der Wert eines Menschen dann? Jedenfalls weniger als 1000 Euro.

Der Markt bestimmt den Preis – Angebot und Nachfrage. Viel Angebot – kleiner Preis. Wenig Nachfrage – noch kleinerer Preis. Der Börsenkurs afrikanischer Flüchtlinge sinkt, sie sind im Wirtschaftskreislauf nicht gewinnbringend zu verwerten. Wo kein Profit, da keine Investition. Die Europäische Union ist eine Wirtschaftsunion – Menschlichkeit ist nicht vorgesehen – kein Raum für Gefühle, das vernebelt nur die Sinne, stört den Verstand.
1000 Euro für ein einziges Menschenleben? Zu wenig Rentabilität für diese Summe Geld.

Sind wir alle gleich viel wert? Wir vielleicht schon. Wir sind gleich. Privilegiert als Bürger der Festung Europa. Privilegiert als Christen. Privilegiert durch unsere Hautfarbe. Alle Personen sind vor dem Gesetz gleich, die Europäische Union gründet sich auf die unteilbaren und universellen Werte der Würde des Menschen, der Freiheit, der Gleichheit und der Solidarität – Präambel der Charta der Grundrecht der Europäischen Union.
Die Würde des Menschen wird geschützt, Solidarität bestimmt das handeln. Freiheit, Gleichheit – aber nur bis zu Außengrenze der Europäischen Union.

Die Eigenschaften eines Menschen bestimmen den Wert – Europäer sind gefragt, Afrikaner Ausschussware.

108 Millionen Euro für 100.000 Menschenleben. Umgelegt auf die Einwohner betragen die Kosten für Österreich 1,8 Millionen Euro. Das sind circa 0,1 Prozent der Ausgaben für militärische Landesverteidigung. Der letzte Wahlkampf der ÖVP kostete knapp 7 mal so viel.

Alle Menschen sind gleich, aber manche sind gleicher. George Orwells Roman „Animal Farm“ ist aktueller denn je.

7. Januar 2015 – Terroranschlag in Paris – 17 Menschen sterben – ein weltweiter Aufschrei. 3,7 Millionen Menschen marschieren durch Paris um die Opfer zu beklagen. Staats- und Regierungschefs aus aller Welt versammeln sich. Sie trauern, schwingen Reden, fordern Reformen, schwören Rache.

8. Februar 2015 – mehr als 300 Menschen sterben in den Fluten des Mittelmeers, 22 weitere Opfer erfrieren an Bord des Patrouillenbootes auf dem Weg nach Lampedusa, ein größeres Schiff hätte sie retten können.  Die europäischen Nachrichten bringen eine Kurzmeldung in der Meldungsübersicht. Das Leiden der Opfer verhallt im europäischen Wohlstand.  Trauermarsch? Fehlanzeige. Rachepläne der Regierungschefs an den Tätern bleiben aus. Sie müssten sich an sich selbst rächen.  Die Täter sind sie. Mutwillig.

Jeder europäische Regierungschef  ist verantwortlich für hunderte Tote. Jeder einzelne. Die von der Europäischen Union als Ersatz der Mare Nostrum Operation ins Leben gerufene Triton Mission hat nicht die Aufgabe Leben zu retten. Sie soll die Grenzen schützen. Ihr Einsatzgebiet endet 30 Seemeilen vor der italienischen Küste. Danach gilt internationales Seerecht.

„30 Seemeilen vor der italienischen Küste endet Europa, bis dahin helfen wir. Dahinter befinden sich die internationalen Gewässer und dort gilt das internationale Seerecht.“

Nicht Menschenleben sollen mit Triton gerettet werden, sondern der europäische Wohlstand. Grenzsicherung statt Lebensrettung. Während Mare Nostrum mit ausreichend Kapazitäten bis vor die libysche Küste Menschenleben im Mittelmeer rettete, beschränken sich die 6 Schiffe der EU Mission auf Abschottung. Der Rest ist nicht im Budget.

Der Wert eines Europäers: Unbegrenzt. 300 Millionen Euro soll das österreichische Sicherheitspaket als Antwort auf die Terroranschläge in Paris kosten. Hubschrauber, Vorratsdatenspeicherung, gepanzerte Fahrzeuge. Kein Geld ist zu viel für die Sicherheit von europäischen Bürgern. 108  Millionen Euro hätte die Beteiligung an Mare Nostrum gekostet.Für die gesamte EU. Zu viel.

Sind alle Menschen gleich viel wert? Spätestens jetzt kann diese Frage eindeutig verneint werden.

Lässt sich der Wert eines Menschen in Zahlen darstellen? Für die Europäische Union definitiv.

Wie viel ist ein Mensch wert? Das hängt von seiner Herkunft ab.

Wer bezahlt dafür? Für die europäischen Bürger die EU, für notleidende Flüchtlinge bezahlen diese selbst. Mit ihrem Leben.

Auf nach Israel! Guantanamo Feeling zum Aktionspreis

Strandurlaube langweilen Sie? Auf Malle sind zu viele Deutsche? Sie haben keine Lust in Südöstasien ständig Angebote von Massagen und Taxifahrten dankend abzulehnen und Schiurlaube kommen nicht mehr in Frage seit letzten Winter in Kitzbühel ihre standesgemäße 2 Promilleabfahrt nach dem Apre Ski im Speicherteich geendet hat? Sie wollen endlich einmal einen Urlaub mit Pepp und Spannung aber auf das Trainingslager der Bayern werden Sie nie eingeladen (bdummtsss) und für einen Orbitalflug fehlen noch die nötigen Nullen am Konto? Sie wollen sich einmal in ihrem Leben in die Situation eines Verbrechers hineinversetzen aber haben keine Lust neben Karl Heinz Rummenigge in der Allianz Arena zu sitzen? Nützen Sie die Chance – Fahren Sie nach Israel!

Um das Guantanamo-Verhör-Feeling vollends auskosten zu können sei Ihnen folgende fundierte Reisevorbereitung ans Herz gelegt:

1. Seien Sie männlich! Falls Sie leider mit dem falschen Geschlecht in die Welt gesetzt worden sind, nicht verzagen, auch Justin Bieber hat es geschafft durchaus glaubwürdig als männlicher Sänger durchzugehen.

2. Reisen Sie alleine! Mitreisende, vor allem jene des anderen, bei Befolgung von Punkt 1 weiblichen Geschlechts, können nur zu unnötigen Vertrauensvorschüssen durch die Sicherheitsbeamten führen, welche das anschließende Verhörerlebnis unnötig abkürzen könnten und Sie dadurch ihrer verdienten und gewollten Spannung berauben.

3. Wählen Sie eine geeignete Reiseroute! Dabei ist vor allem die Anreise über ein muslimisches Land zu empfehlen, welches ist dabei nur sekundär relevant. Auf Grund der praktischen Flugverbindungen bietet sich natürlich die Türkei an. Belassen Sie es nicht bei einem simplen Zwischenstopp auf einem der beiden Istanbuler Flughäfen. Nein, gönnen Sie sich ein paar Tage Erholung an einem der unzähligen Strände oder noch besser, reisen Sie in den kulturell in höchstem Maße interessanten Osten des Landes. Die Nähe zu den Transferrouten potentieller IS-Kämpfer und Bürgerkriegsgebieten bringt nicht nur unvergleichliche Reisespannung sondern verhindert auch, dass der israelische Geheimdienst Sie fälschlicherweise als harmlosen Türkeitouristen ohne größere Kontrollen in den jüdischen Staat einreisen lässt. Und wichtig! Selbst wenn Sie als deutscher Staatsbürger in die Türkei ohne Visum mit Personalausweis einreisen könnten, gönnen Sie sich die Verwendung ihres Reisepasses. Ein Türkeistempel macht sich nicht nur optisch sensationell in Ihrem Pass sondern Sie auch gleich noch viel interessanter für die unterbeschäftigten Zollbeamten am Ben-Gurion Flughafen in Tel Aviv.

4. Führen Sie so viele elektronische Geräte wie möglich mit sich! Die Mitnahme mehrerer Kameras, eines Laptops sowie der dazugehörigen externen Festplatten führt dazu, dass Sie die Sicherheitskontrollen am Check-in einmal so richtig auskosten können. Sie wollten schon immer einmal einen Nacktscanner von innen erleben? Hier sind Sie genau richtig. Doch nicht nur dieses Erlebnis wird Ihnen bei richtiger Gepäckwahl zu Teil, nein, zudem kommen Sie noch in den Genuss des kostenlosen Gepäckvollständigkeitschecks. Am Flughafen nimmt sich ein freundlicher Sicherheitsbeamter gerne Zeit für Sie um in Ruhe mit Ihnen gemeinsam ihre sämtlichen Reiseutensilien durchzugehen um auch sicherzustellen, dass Sie nichts im Hotel zurückgelassen haben. Zudem erhalten ihre Geräte und Kleidungsstücke noch eine kostenlose Tiefenreinigung. Mit Wattepads werden sämtliche Sprengstoffspuren auf ihren Klamotten ausnahmslos identifiziert und gerne auch unmittelbar beseitigt. Zudem helfen die freundlichen Beamten auch gerne beim Entrümpeln Ihrer Geldbörse oder dem Befreien Ihrer Hostentaschen von lästigen alten Papiertaschentüchern.

5. Reisen Sie mit Rucksack! Als potentieller Terrorist müssen Sie natürlich flexibel sein um den aktuellen Truppenbewegungen ohne Rücksicht auf asphaltierte Straßen folgen zu können. Ein handelsüblicher Koffer kommt also nicht in Frage. Machen Sie also nicht den Fehler sich schon von mehreren Kilometern aus durch ihren roten Trolley, ihre graue Bauchtasche sowie ihre weißen Sandalen inklusive passender Tennissocken als deutscher Tourist zu erkennen zu geben. Wer würde denn einem Karl-Friedrich die Aufmerksamkeit zukommen lassen, die ein Ahmed eigentlich verdient hätte?

6. Nehmen Sie das Westjordanland unbedingt in Ihre Reiseplanung auf, und stehen Sie dazu!
Sie wollen eigentlich nur einmal den Tempelberg besteigen, in der Grabeskirche den Todesort Jesu besuchen und im Toten Meer ihre Bildzeitung einmal wo anders als auf der Toilette lesen? Vergessen Sies. So machen Sie es sich zu einfach. Der Israelurlauber von heute nimmt natürlich einen Zwischenstopp im Westjordanland selbstverständlich mit. Und er tut dies auch nicht um in der Geburtskirche Jesu in Betlehem ein Licht zu entzünden, nein, er interessiert sich für das Leben der unterdrückten Palästinenser. Lassen Sie das die interessierte Dame am Einreiseschalter unbedingt wissen. So viel Zeit muss sein.

7. Geben Sie an, sich mit weiteren Freunden in Israel treffen zu wollen, bei genauerer Nachfrage geben Sie an diese zwar zu kennen, sich jedoch nicht an deren vollen Taufnamen erinnern zu können. Somit wird die Überprüfung des Wahrheitsgehaltes Ihrer Angaben weitgehend unmöglich gemacht und Sie können die bequemen Metallsitze im Warteraum der Sicherheitsbehörde gleich noch länger genießen.

8. Planen Sie auf keinen Fall ihrer Reiseroute im Voraus!  Gebuchte Hotels, reservierte Busse, bereits fixierter Rückflug? Alles ist durchgeplant, sämtliche Buchungsbestätigungen vorhanden und somit die Zeit für einen Terroranschlag zwischendurch knapp. Der israelische Geheimdienst, scharfsinnig wie er ist, erkennt das. Das wollen Sie doch nicht, schließlich reisen Sie ja extra mehrere Flugstunden an um mit der israelischen Gesellschaft, vor allem mit der sicherheitsverliebten Schicht am Flughafen, in näheren Dialog zu treten. Geben Sie nicht alles von sich Preis, machen Sie die Leute neugierig. Das funktioniert nicht nur beim ersten Date sondern auch im Verhörraum. Weitere Stunden in trauter Zweisamkeit (mit dem freundlichen Flughafeninquisitor) sind garantiert.

Sie sehen, schon bei Befolgung von wenigen, einfachen Schritten steht Ihrem Abenteuerurlaub im Nahen Osten nichts mehr im Wege. Befolgen Sie diese Vorschläge im Detail und schon in kurzer Zeit könnte Ihr Leben um einmalige Erfahrungen und viele aufregende Momente reicher sein. Bei überzeugender Arbeit besteht sogar die Möglichkeit eines vom Staate Israel finanzierten Gratis-Rückfluges noch am selben Tag!

Geben Sie sich einen Ruck und buchen Sie noch heute ihr One-Way-Ticket nach Israel. Spannung wird garantiert.

Ihr Robert Hartlauer

Das perfekte Chaos

Die folgenden Worte sind ein Text, der in meinem Indienurlaub im Frühjahr 2014 entstanden ist. Wer jetzt also schon instinktiv die zu viele Freizeit der Studenten verteufelt und den durchaus harten Alltag der studierenden Bevölkerungsschicht anzweifelt (was für meine Gerrmanistenfreunde ein durchaus zutreffendes Zeugnis darstellen würde), dem sei gesagt, dass mein Lebensmittelpunkt in den letzten 5 Monaten zwar überall anders war als in Tirol, aber selbst mich meine innere Unruhe nicht noch zu einem weiteren Urlaub hinreißen hat lassen. Pflichtbewusst wie ich als immerfleißiger Student bin habe ich mich mittlerweile natürlich schon wieder in meinem Home Office eingesperrt und arbeite mich durch sämtliche wissenschaftliche Fachjournale des letzte haben Jahres.  

„Train Cancelled“ – so lautet die wenig hilfreiche, aber einzige Information die wir erhalten. Unsere Urlaubsplanung scheint sich jäh in Luft aufzulösen. Dass wir dabei geschätzte 5 mal von Büro 1 in Büro 2 und zurück verwiesen werden und offensichtlich so Recht niemand weiß, wie mit dieser Situation umzugehen ist, obwohl diese in Indien wohl kaum ein außergewöhnliches Ereignis darstellt, verstärkt den Eindruck des perfekten Chaos zunehmend.

Doch was man sich als Mitteleuropäer nur schwer vorstellen kann ist in Indien Alltag – ein systematisches Chaos. Um beim Paradebeispiel Zugverkehr zu bleiben: Die Abfahrtszeiten sind bestenfalls unverbindliche Richtwerte. 7 Stunden Verspätung sind keine unglückliche Ausnahme, sondern der landesübliche Richtwert. Und so sind die Wartehallen der indischen Bahnhöfe ein Spiegelbild des gesamten Subkontinents – überfüllt, chaotisch und somit hygienisch in zweifelhaftem Zustand. Es scheint als würden in diesem Land einfach zu viele Personen auf zu wenig Raum ihr Dasein verbringen.

Die Straßen, auch wenn diese Bezeichnung für die einem österreichischen Bergweg ähnelden und mit beachtlichen Terrainunterschieden ausgestatteten Fahrbahnen etwas euphemistisch gewählt  ist, sind quasi ununterbrochen überfüllt, Verkehrsregeln scheinen ebenso wenig zu existieren wie TÜV-Plaketten für die zahlreichen Kleinwägen. Das atmosphärische Treiben auf Indiens Straßen wird untermalt von einem konstanten Hupkonzerrt, gegen das HC Straches neuester Rap wie Beethovens Neunte die Ohren erfreut. Nicht nur die Aufforderungen an den Hecks der Lastwägen, doch bitte beim Überholvorgang zu hupen, vermittlen den Eindruck, dass das Betätigen des Signalhorns hier weniger eine Warnung darstellt, sondern viel mehr zum guten Ton gehört. Ebenso Teil der indischen Mentalität scheint der Drang zur ubiquitären Müllentsorgung zu sein. So gleichen die Straßengräben und Fußwege fast exakt der Vorstellung einer gemeinen europäischen Deponie, mit Ausnahme der nicht existenten Mülltrennung. Das Wort Hygiene scheint im indischen Duden, sofern ein solcher bei über 100 Landessprachen überhaupt existiert, nicht aufzuscheinen. Die Rattenkolonien in den Bahnhofshallen würden das sicher bestätigen. 

So abstoßend dieser Eindruck nun wirken mag, das alles verleiht Indien diesen ganz speziellen Charme, der jeden Besucher in seinen Bann zieht, sobald man die ersten Ekelgefühle erst einmal abgelegt hat. Unordnung und Schmutz sind nicht mehr als die Entspanntheit und Zufriedenheit der indischen Bevölkerung. 

Abgesehen von den fatalen ökologischen Folgen vermittelt dieses scheinbar perfekte Chaos die Seele eines Landes, in dem Globalisierung und Industriegesellschaft mit traditionellen Strukturen und bitterer Armut aufeinanderprallen und so enorme Kontraste und Gegensätze schaffen – Gegensätze, die jeden Schritt durch dieses Land zu einem besonderen machen.