Asyl

Angst vor dem blauen Orkan – Österreich darf nicht Ungarn werden

Ich habe Angst. Angst vor der Zukunft. Angst vor der Zukunft in einem Land, in dem nicht Menschlichkeit, Solidarität, Freiheit und Menschenrechte unser Zusammenleben bestimmen, sondern Egoismus, Diskriminierung und Hass. Angst vor einer Zukunft, in der ich angefeindet werde, weil ich helfen will. Angst vor einer Zukunft, in der Menschen verfolgt werden, obwohl sie Schutz suchen und die Freiheiten und Grundrechte der Bürger Recht und Ordnung geopfert werden. Angst vor einem Europa, in dem statt grenzenloser Mobilität wieder Misstrauen herrscht. Angst vor Aufrüstung statt gegenseitiger Unterstützung und Zusammenarbeit.

Waren dieses Szenario und auch diese Befürchtungen bis vor kurzem noch Wahnvorstellungen, sind sie plötzlich real. Hinter unserer östlichen Grenze baut sich langsam aber kontinuierlich ein autoritäres Regime auf, dessen starker Mann, Viktor Orban, sich den ungarischen Staat Schritt für Schritt zu eigen macht. Wo nach der Wende Aufbruchsstimmung und Demokratisierung waren, ist nun Abschottung und Führerkult. Mitten in der EU beginnt ein Staat die europäischen Werte zu zerstören. Die EU sieht zu. Menschenrechte werden mit Füßen getreten, die Presse wird gleichgeschalten, der Rechtsstaat abgeschafft und Flüchtlingen mit Tränengasbomben und gewaltsam die Hilfe verweigert. Folgt man Huntingtons Theorie der Demokratisierungswellen, beginnt Viktor Orban wohl gerade den Prozess einer autokratischen Gegenwelle.

Noch können wir all das ignorieren. Noch können wir sagen, das sei nicht unser Land, das sind nicht unsere Leute die das unterstützen, wir sind besser, wir sind weltoffen, wir helfen. Doch wie lange können wir das noch?

Innerhalb unserer Grenzen braut sich ein Sturm zusammen. Ein Sturm aus Hass, Lügen und Hetze. Ein Sturm der uns schon bald überrollen könnte und keinen Stein auf dem anderen lassen könnte. Der Sturm ist blau, mit braunen Punkten. Manche würden vielleicht sagen braun, mit blauem Anstrich. Doch darum geht es nicht. Der Sturm ist real. Auch wenn es früher ein Lüftchen war und nun eine starke Böhe. Es wird schon bald ein Orkan sein, wenn wir nichts machen, wenn wir uns nicht wehren, wenn wir keine Vorkehrungen treffen. Ein Orkan wird kommen, der aus unserem weltoffenen, reichen und lebenswerten Land, ein verschlossenes, engstirniges und reaktionäres Land macht.

Der Orkan heißt FPÖ, er heißt Strache. Strache ist der Kopf, das Gehirn, der Anführer eines gesellschaftlichen Orkans. Der Sturm aber ist mehr. Er ist Hass, er ist Angst, er ist Egoismus. Strache steuert den Orkan, er ist das Auge des Sturms, sein Zentrum, sein Antrieb. Er bewegt, bewegt die Massen. Er steuert ihre Ängste, schürt ihren Hass und gewinnt ihr Vertrauen. Er sammelt Massen um sich, wird immer stärker, bündelt Kräfte und nimmt Fahrt auf. Irgendwann wird es zu spät sein, irgendwann wird der Sturm zu stark sein um ihn aufzuhalten. Und er wird kommen. Und mit ihm Hass und Angst.

Wer wissen will, wie unser Land nach dem Orkan Strache aussieht, kann das ohne Probleme. Er braucht den Blick nur über die ungarische Grenze richten. Dort hat der Sturm bereits gewütet, und er tut es immer noch. Dort heißt der Orkan Orban.

Bei uns ist es noch nicht so weit, aber es wird bald so weit sein, wenn nichts passiert. Strache hat Zulauf, die Menschen unterstützen ihn, wollen ihn, kämpfen für ihn. Die Person Strache ist der starke Mann. Der starke Mann, nach dem sich seine Unterstützer so lange gesehnt haben, der starke Mann der für Recht und Ordnung sorgt und der seine Anhänger beschützt, vor allen Gefahren. Wenn der blaue Balken in den Umfragen wächst, dann wächst mit ihm die Furcht vor einer Entwicklung wie in Ungarn. Vor einer Entwicklung, welche die Fundamente des Rechtsstaates erschüttert, die Grundpfeiler der Menschlichkeit zum zerbersten bringt und die Grundfreiheiten auf dem Altar von Recht und Ordnung opfert.

Diese Vorstellungen sind keine Wahnvorstellungen, sie sind keine Panikattacke. Diese Befürchtungen sind begründet und gut untermauert. Strache selber sorgt dafür. Er liefert genug Material um diese Angst wahr werden zu lassen. Strache lobt Orban, er schätzt ihn, er verteidigt ihn. Wenn Orban auf Flüchtlinge schießen lässt, hält Strache ihm die Stange. Man solle ihm dankbar sein. Dankbar, dass Orban das Chaos von Österreich abhält. Wenn Orban mit Stachdrahtzäunen den Flüchtlingen die Tore zum sicheren Europa verschließt, fordert Strache das selbe an der Grenze von Österreich. Ein Zaun, an der Grenze zwischen zwei EU-Staaten. Und mehr Militär. Militär an der Grenze zwischen zwei EU-Staaten. Damit dem Willkommenstourismus endlich ein Ende bereitet wird. Die Flucht vor Fassbomben ist für Strache Tourismus. Und die Menschen die davor fliehen, betreiben Wohlstandszuwanderung. Bei diesen Worten wäre vermutlich sogar Orban neidisch.

Die Flüchtlingskrise zeigt das Gesicht der FPÖ einmal mehr ganz deutlich. Ein Gesicht, bei dem die Angst von Christen vor dem Fremden mehr zählt, als die Angst von Muslimen vor dem Tod. Ein Gesicht, dass zwar Demokratie immer dann fordert, wenn es Wählerstimmen bringt, die Autokratie unter Orban aber immer unterstützt. Orban entmachtet das Verfassungsgericht und setzt damit die Kontrolle von Gesetzen anhand der Grundrechte weitgehend aus. Die FPÖ fordert die Änderung oder Aufhebung der Menschenrechtskonvention. Orban schränkt die Pressefreiheit ein, indem er die öffentlichen Medien unter Aufsicht der Regierung stellt, Strache fordert die Aufhebung der Rundfunkgebühren, eine Forderung mit wohl ähnlichen Konsequenzen.

Was die FPÖ und was Strache macht hat Kalkül. Das Ziel ist der eigene Profit, das Ziel ist Macht. Viktor Orban opferte für die Macht sogar seine eigene Ideologie. War er nach der Wende ein erbitterter Kämpfer für radikalen Liberalismus, wurde er innerhalb von 15 Jahren zu einem autoritären Herrscher, der Ungarn vom Rest Europas immer mehr abschottet und die Grundfreiheiten in seinem Land immer mehr einschränkt. Von Strache ist nichts anderes zu erwarten. Die Regierungsbeteiligungen der FPÖ zeigen nichts anderes. Ziel ist der eigene Profit. Die unzähligen Untersuchungsausschusse, welche ihren Grund in der Schwarz-Blauen Koalition haben, zeugen davon. Strache macht alles für Wählerstimmen, er macht alles für die Macht. Er nennt seine Partei „sozial“,  obwohl seine Parteikollegen  Wohnungsbeihilfen kürzen und Millionärssteuern ablehnen. Er präsentiert die FPÖ als Partei des kleinen Mannes, obwohl der blaue Hypo Skandal jedem Österreicher fast 3000 Euro kostet. Er wirbt mit Nächstenliebe, aber will Hilfesuchende mit einem Zaun aussperren.

Wer Strache wählt, wählt Fremdenhass. Wer Strache wählt, wählt Rückschritt. Wer Strache wählt, wählt Abschottung. Wer Strache wählt, opfert Freiheiten und Menschenrechte.

Noch ist es nicht zu spät, noch können wir das alles verhindern. Dazu braucht es aber Entschlossenheit, Aufklärung und viel guten Willen. Denn wer glaubt Strache löst alle Probleme, irrt. Wer glaubt die Lösung für Zukunftsängste liegt in der Hetze gegen Kriegsflüchtlinge, irrt. Wer Strache wählt, schadet Österreich.

Wenn Strache an der Macht ist, wird sich vieles ändern. Aber nichts wird besser. Tut dann bitte nicht so, als hättet ihr es nicht gewusst. Österreich muss nicht Ungarn werden. Wir können das verhindern.

Das Angebot bestimmt die Nachfrage – Wie viel ist ein Menschenleben wert?

Kann man die Bedeutung eines einzelnen Menschenlebens in Zahlen darstellen? Ist es zulässig Menschen in Geld zu bewerten? Sind wir alle gleich viel wert? Gibt es besonders wertvolle Exemplare? Gibt es Ausschussware im Sonderangebot? Sinkt der Wert eines Menschen bei zu viel Angebot? Wenn wir zu viele Menschen haben, bezahlen wir irgendwann dafür um keine zusätzlichen Exemplare mehr zu erhalten? Wie viel ist ein Mensch genau wert? Und für wen ist er wie viel wert? Und wer bezahlt dafür?

1000 Euro – der Wert eines Menschen, genauer gesagt weniger als 1000 Euro. Jedenfalls der Wert eines Menschenlebens für die Europäische Union. 1000 Euro für die Rettung eines Menschenlebens – zu viel für die Europäische Union. Das Angebot bestimmt die Nachfrage. Menschen gibt es in der EU genug, das drückt den Preis.

Menschen gibt es genug, Menschlichkeit nicht.

Über 100.000 Menschenleben (in Worten: einhunderttausend) konnten mit der Mare Nostrum Mission der italienischen Marine im Jahre 2014 gerettet werden, die Mission kostete 9 Millionen Euro im Monat, 108 Millionen Euro im Jahr, zu viel für Europa. Italien forderte eine finanzielle Beteiligung europäischer Ländern, „man habe kein Geld“ war die Antwort. Italien stellte die Mission ein.

108 Millionen Euro sind ein zu hoher Preis für die Rettung von 100.000 Menschenleben. Das sind rund 1000 Euro pro gerettetem Mensch. Ist es zulässig Menschen in Geld zu bewerten? Offensichtlich schon. Wie hoch ist der Wert eines Menschen dann? Jedenfalls weniger als 1000 Euro.

Der Markt bestimmt den Preis – Angebot und Nachfrage. Viel Angebot – kleiner Preis. Wenig Nachfrage – noch kleinerer Preis. Der Börsenkurs afrikanischer Flüchtlinge sinkt, sie sind im Wirtschaftskreislauf nicht gewinnbringend zu verwerten. Wo kein Profit, da keine Investition. Die Europäische Union ist eine Wirtschaftsunion – Menschlichkeit ist nicht vorgesehen – kein Raum für Gefühle, das vernebelt nur die Sinne, stört den Verstand.
1000 Euro für ein einziges Menschenleben? Zu wenig Rentabilität für diese Summe Geld.

Sind wir alle gleich viel wert? Wir vielleicht schon. Wir sind gleich. Privilegiert als Bürger der Festung Europa. Privilegiert als Christen. Privilegiert durch unsere Hautfarbe. Alle Personen sind vor dem Gesetz gleich, die Europäische Union gründet sich auf die unteilbaren und universellen Werte der Würde des Menschen, der Freiheit, der Gleichheit und der Solidarität – Präambel der Charta der Grundrecht der Europäischen Union.
Die Würde des Menschen wird geschützt, Solidarität bestimmt das handeln. Freiheit, Gleichheit – aber nur bis zu Außengrenze der Europäischen Union.

Die Eigenschaften eines Menschen bestimmen den Wert – Europäer sind gefragt, Afrikaner Ausschussware.

108 Millionen Euro für 100.000 Menschenleben. Umgelegt auf die Einwohner betragen die Kosten für Österreich 1,8 Millionen Euro. Das sind circa 0,1 Prozent der Ausgaben für militärische Landesverteidigung. Der letzte Wahlkampf der ÖVP kostete knapp 7 mal so viel.

Alle Menschen sind gleich, aber manche sind gleicher. George Orwells Roman „Animal Farm“ ist aktueller denn je.

7. Januar 2015 – Terroranschlag in Paris – 17 Menschen sterben – ein weltweiter Aufschrei. 3,7 Millionen Menschen marschieren durch Paris um die Opfer zu beklagen. Staats- und Regierungschefs aus aller Welt versammeln sich. Sie trauern, schwingen Reden, fordern Reformen, schwören Rache.

8. Februar 2015 – mehr als 300 Menschen sterben in den Fluten des Mittelmeers, 22 weitere Opfer erfrieren an Bord des Patrouillenbootes auf dem Weg nach Lampedusa, ein größeres Schiff hätte sie retten können.  Die europäischen Nachrichten bringen eine Kurzmeldung in der Meldungsübersicht. Das Leiden der Opfer verhallt im europäischen Wohlstand.  Trauermarsch? Fehlanzeige. Rachepläne der Regierungschefs an den Tätern bleiben aus. Sie müssten sich an sich selbst rächen.  Die Täter sind sie. Mutwillig.

Jeder europäische Regierungschef  ist verantwortlich für hunderte Tote. Jeder einzelne. Die von der Europäischen Union als Ersatz der Mare Nostrum Operation ins Leben gerufene Triton Mission hat nicht die Aufgabe Leben zu retten. Sie soll die Grenzen schützen. Ihr Einsatzgebiet endet 30 Seemeilen vor der italienischen Küste. Danach gilt internationales Seerecht.

„30 Seemeilen vor der italienischen Küste endet Europa, bis dahin helfen wir. Dahinter befinden sich die internationalen Gewässer und dort gilt das internationale Seerecht.“

Nicht Menschenleben sollen mit Triton gerettet werden, sondern der europäische Wohlstand. Grenzsicherung statt Lebensrettung. Während Mare Nostrum mit ausreichend Kapazitäten bis vor die libysche Küste Menschenleben im Mittelmeer rettete, beschränken sich die 6 Schiffe der EU Mission auf Abschottung. Der Rest ist nicht im Budget.

Der Wert eines Europäers: Unbegrenzt. 300 Millionen Euro soll das österreichische Sicherheitspaket als Antwort auf die Terroranschläge in Paris kosten. Hubschrauber, Vorratsdatenspeicherung, gepanzerte Fahrzeuge. Kein Geld ist zu viel für die Sicherheit von europäischen Bürgern. 108  Millionen Euro hätte die Beteiligung an Mare Nostrum gekostet.Für die gesamte EU. Zu viel.

Sind alle Menschen gleich viel wert? Spätestens jetzt kann diese Frage eindeutig verneint werden.

Lässt sich der Wert eines Menschen in Zahlen darstellen? Für die Europäische Union definitiv.

Wie viel ist ein Mensch wert? Das hängt von seiner Herkunft ab.

Wer bezahlt dafür? Für die europäischen Bürger die EU, für notleidende Flüchtlinge bezahlen diese selbst. Mit ihrem Leben.

Geschlossene Türen – verlorene Hoffnung

Menschenmassen am Taksimplatz. Einkaufstaschen teurer italienischer und französischer Modemarken soweit das Auge reicht. Das Zentrum des Nachtlebens Istanbuls pulsiert, auch im kühlen Spätherbst. Die türkische Oberschicht vermischt sich mit unzähligen Touristen zu einer großen Menschenmasse. So unterschiedlich die Wege dieser ganzen Menschen auch sind, sie alle eint vermutlich eines: Sie wissen in welchen vier Wänden sie die kühle Nacht verbringen können.

Fast verschluckt von der Menschenmasse aber dennoch nicht zu übersehen kauern sie am Straßenrand, unter Baugerüsten und in Hauseingängen. Unzählige einfach bekleidete Menschen, nicht wissend wie sie die Nacht, geschweige denn wie sie die nächsten Tage überleben sollen. Viele Frauen haben Kinder und Babies, stillen sie auf der Straße. Touristen und Einheimische werden um Geld gebeten, man kann es ihnen nicht verdenken. Sie verlangen keinen Luxus, sie wollen das nackte Überleben. Ängstlich und unsicher blicken mich die feuchten Augen eines Kindes am Gehsteigrand an. Mit einer Hand voll zum Verkauf stehender Taschentücher nebenan am Gehsteig, die 20 Eurocent pro Packung müssen für eine Mahlzeit reichen. Die Geschichte, die mir das Kind mit diesem hilflosen Blick erzählen will, würde uns mit ziemlicher Sicherheit nicht nur unendlich traurig und mitfühlend, sondern auch empört und entsetzt machen.

Geflohen vor dem Krieg, mit nichts anderem in Besitz als den paar Stück schmutzigen Kleidern am Körper, fanden sie Zuflucht und Schutz vor Verfolgung. Während in Syrien Minderheiten, andere Religionen und Regimekritiker von mehreren Seiten verfolgt werden und die Flucht vor der Diktatur sie direkt in die Hände des Terrors des islamischen Staats treibt, ist ihre einzige Hoffnung die Grenze zur Türkei. Dort erhalten sie Sicherheit. Der Grenzzaun sichert ihnen das Überleben, das bloße Überleben, mehr aber auch nicht. Über 1,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien hat die Türkei seit Beginn der Unruhen aufgenommen. Im Libanon sind es 200.000 mehr. Während der Libanon damit mehr als 25% seiner Landesbevölkerung als Flüchtlinge aufnimmt, ist dieser Prozentsatz bei der Türkei naturgemäß geringer. Nichts desto trotz: 1,5 Millionen Menschen leben, weil die Türkei ihre Grenzen öffnete. 1,5 Millionen Menschen haben zwar keine Besitztümer oder Behausungen mehr, aber sie leben.

1,5 Millionen Menschen fanden in der Türkei Schutz – in der gesamten EU sind es 130.000. Österreich gewährt bis dato 3500 Menschen Schutz – 1 Flüchtling auf 3000 Bürger – bei jedem einzelnen mehr gibt es kollektive Empörung – man helfe ja gern, aber bitte nicht im eigenen Land.

Die Festung Europa ist unerreichbar. Die Tore geschlossen. Stacheldrahtzaun und Grenzschutz gegen verfolgte, dem Tode geweihte Flüchtlinge. Solidarität und Mitmenschlichkeit hören an der EU-Außengrenze auf.

So versammeln sie sich in Istanbul, vor den Toren Europas. Mit der Hoffnung auf ein besseres Leben, ein Leben in Sicherheit, mit der Hoffnung auf die Gewissheit am nächsten Morgen wieder aus dem Schlaf zu erwachen. Die Europäische Union schaut zu, man kann ja schließlich nicht jedem helfen. Sollen sie halt nach Europa kommen und um Asyl ansuchen, aber bitte nicht mit dem Boot, und naja, den läppischen Grenzzaun in Griechenland, den gibts ja auch noch. Und sind die Flüchtlinge erst mal in Europa, dann sollten sich bitte doch die Länder an den Außengrenzen darum kümmern. Griechenland und Italien sind verantwortlich, damit hat Brüssel doch nichts zu tun.

Die Massen an Flüchtlingen, welche die Straßen der türkischen Großstädte säumen sind das Symbol für das kollektive Versagen der Europäischen Flüchtlingspolitik. Wenn Egoismus und Kaltherzigkeit mit einem Bild dargestellt werden sollte, man würde dieses an unzähligen türkischen Straßenecken finden.

Die reichste Region der Erde schaut weg, wenn vor seiner Haustür Menschen verfolgt werden und Hunger leiden. Man stiehlt sich aus der Verantwortung. Man verweist schließlich auf Dublin 2.

Das Dublin 2 Abkommen: Der Inbegriff der fehlgeschlagenen europäischen Integration und Identität. Eine Europäische Sozialgemeinschaft ohne Solidarität. Integration ohne Lastverteilung. Für ein Asylverfahren sei laut diesem Vertragswerk jener Staat verantwortlich, über den der Flüchtling als erstes in EU-Gebiet einreist. Sämtliche Flüchtlinge können wieder in diesen Staat zurückgeführt, sprich abgeschoben werden. Die ganze Last des europäischen Asylwesen liegt auf den Schultern der wenigen ärmeren Ländern an den EU-Außengrenzen. Diese sind logischerweise auf sich allein gestellt nicht dazu in der Lage, dem Ansturm Herr zu werden. Die Grenzen werden verriegelt. Die EU verbarrikadiert sich vor ihrem neuen Feind: notleidenden und verfolgten Flüchtlingen.

Diese Vorgangsweise, die auf den ersten Blick wie ein schlechter Aprilscherz anmutet, ist Realität. Die Europäische Gemeinschaft hört dort auf, wo es darum geht Menschen Schutz vor Verfolgung zu bieten. Eine Organisation, die für sich in Anspruch nimmt, ihre Werte und Prinzipien in der ganzen Welt verbreiten zu wollen, entzieht sich komplett der Verantwortung, wenn es um Menschlichkeit geht. Wie nur ein einziger Unterzeichner dieses Dublin 2 Abkommens noch ruhig schlafen kann ist mir unerklärlich.

Während die Türkei für ihr Verhalten im Syrien Konflikt kritisiert wird, schafft es die reiche europäische Union nicht einmal ein Zehntel der Flüchtlinge der Türkei aufzunehmen. Ein Armutszeugnis für europäische Solidität und Mitmenschlichkeit.

Ist uns unser hoher Lebensstandard so wichtig, dass wir akzeptieren können, Menschen vor unserer Haustür verhungern oder ertrinken zu lassen? Fürchten wir uns so vor dem Unbekannten, dass wir Menschen alleine lassen, wenn sie in Not sind?

Offenbar ja.

Eine Schande für Österreich (nicht überspitzt formuliert)

Es ist eigentlich nicht meine Intention meine beiden Leser immer mit dem selben Thema zu belästigen und auch nicht Ziel dieses Blogs fortan nur mehr politische Antifa Texte zu produzieren. Sehen Sie dies nun also als Vorwarnung. Wenn Sie im folgenden Text lustig geschilderte Erlebnisse eines Tiroler Vollzeitstudenten in seinem Auslandssemester erwarten, muss ich Sie leider enttäuschen und Sie stattdessen auf folgende lustige Zusammenstellung von Katzenvideos verweisen:

 

Die Geschehnisse in der österreichischen Innenpolitik der vergangen Tage lassen mir allerdings keine andere Wahl:

Aslywerber als „Erd- und Höhlenmenschen“ zu bezeichnen ist eine Sache. Die halbherzige Entschuldigung „möglicherweise etwas überzeichnet zu haben“ (aber nur unter Umständigen, vielleicht ein wenig und wenn überhaupt) die andere. Dass diese Aussagen von einem FPÖ-Politiker stammen macht die Sache zwar weniger überraschend aber umso verwerflicher. Dass dieser FPÖ-Politiker nebenbei noch Landesparteichef in Niederösterreich ist tut eigentlich auch nichts mehr zur Sache, ist aber trotzdem erwähnenswert.

Für diejenigen, die jetzt den Gipfel des Skandalberges im zugegeben gegenüber rechtsextremistischen Äußerungen ziemlich toleranten Österreich noch nicht erreicht sehn, gibt es immer noch Generalsekretäre der Bundespartei namens Kickl und deren unmittelbare Rechtfertigungen, strotzend vor Einsicht und Entschuldigungen.

Die Aussagen seien „sicherlich überspitzt“ gewesen, aber „ein Rücktritt wird nicht erfolgen. (Kurier)

Überspitzt (!!!): Ein unpassendere Wortwahl für eine ohnehin nur halbherzige Entschuldigung wäre schwer auffindbar gewesen.

In Nicht-FPÖ-Funktionär-Deutsch übersetzt: Ja vielleicht etwas zu deutlich formuliert, aber im Kern hat er Recht der Hobart. Nichts anderes als das wird mit Formulierung überspitzt ausgedrückt.

Sprich: Ja, die FPÖ Bundespartei (vertreten durch Generalsekretär Kickl) steht hinter der Äußerung ihres Landesparteichefs. Aslyanten sind Höhlenmenschen. Menschen 2. Klasse. Abschaum. – Diese Auffassung ist Parteilinie der laut Umfragen im Moment stärksten Partei in Österreich.

Diese Haltung der Bundes-FPÖ ist nicht nur noch skandalöser als die ohnehin schon skandalöse Aussage des Landespolitikers selbst sondern zudem rassistisch und menschenverachtend.
Dass nach solchen Äußerungen nicht sämtliche beteiligten Personen (im Zweifel also die gesamte FPÖ Führungsrige) ohne zu Zögern zurücktritt, ist auch nur in Österreich möglich. Dass eine menschenverachtende Partei von einem Viertel aller wahlberechtigten Personen gewählt wird ebenso.

Möglich ist es allerdings nicht, so viel zu Essen wie man bei diesen Äußerungen des Herrn Kickl kotzen könnte.

Da stellt sich abschließend die Frage, wer denn nun die eigentlichen Erd- und Höhlenmenschen in unserer Gesellschaft sind. Der Herr Kickl und seine Partei sind auf jeden Fall ein heißer Tipp (etwas überspitzt).

Selbstbetrug und Doppelmoral

Die Nachrichten überschlagen sich, sämtliche Online Portale laufen heiß, den Journalisten und Redakteuren sowie den  redakteurähnlichen Subjekten (oft in „Österreich“ oder für meine alemannischen Leser „Bild“ Redaktionen beheimatet) laufen die Schweißperlen wie aus Kübeln von der Stirn. Angespannte Stimmung in den Kaffeehäusern Österreichs, irgendwo im südlichen Niederösterreich fällt einer Billa Verkäuferin zitternd die Vorteilscard aus der Hand und Michael Häupl verschüttet vor Schreck sein 10. Achterl Spritzwein. Selbst die ÖVP Obmanndebatte setzt für den Bruchteil einer Sekunde aus. Ein Land hält den Atem an. David Alaba hat sich verletzt.

Eine Nachricht verbreitet sich wie eine Druckwelle durch Österreich. Die Gazetten verbreiten die Hiobsbotschaft: Das Nationalteam muss gegen Russland ohne den Weltstar vom FC Bayern München das Runde ins Eckige treten.
Kollektive Enttäuschung und Beleidsbekundungen, für ganz Österreich bricht eine Welt und damit die Hoffnung auf eine erfolgreiche EM-Qualifikation zusammen.

David Alaba ist nicht nur zweimaliger Sportler des Jahres, ein Weltstar in einer Weltsportart und die einzige Hoffnung, dass vielleicht doch noch einmal ein anderer Pokal außer jener des Stiegl/Samsung/fügen.sie.hier.einen.beliebigen.unternehmensnamen.ein.der.pokaltitel.wechselt.ohnehin.öfter.als.lothar.matthäus.seine.lebensabschnittspartnerinnen.den.namen -Cups an eine österreichische Mannschaft geht.

Nein er ist viel mehr. Er ist eine Identifikationsfigur für die Jugend, Nationalheld, das Symbol dafür, dass man auch es auch als Österreicher in einer Weltsportart wie Fußball zu etwas bringen kann, in etwa so wie das ein Schisprungweltmeister aus Simbabwe wäre. David Alaba ist Everybodies Darling, ein Vorzeigesportler über den niemand etwas schlechtes sagen kann. Beliebtheitswerte jenseits von Heinz Fischer und Peter Rapp, man kann davon ausgehen er würde bei einem Antreten mit der DAP (David Alaba Partei) aus dem Stehgreif die absolute Mehrheit bei den Nationalratswahl erreichen. Und das ohne Überschreiten des Wahlkampfbudgets um lächerliche 4 Millionen Euro (guckst du hier).

Aber David Alaba ist auch eines: Der Inbegriff der Heuchelei und Doppelmoral breiter Bevölkerungsschichten.

Wenn wieder irgendwo im 9. Bezirk einer alten Dame ihre Handtasche geklaut wird, im Rapoldipark die ein oder andere Tüte den Besitzer wechselt oder ein Taxifahrer seines Bargeldes erleichtert wird kriechen sie aus ihren Löchern, ohne genaue Kenntnis des Hintergrunds der Tat/des Täters. Es reicht auch schon das simple Unterbringen von Flüchtingen in einem leerstehenden Gasthaus. Als Anlass dient oft auch einfach eine juckende Nase oder eine verbrannte Scheibe Toastbrot. Schon sind sie da und predigen den Untergang des Abendlandes. Den hintertückischen Raub von österreichischen Arbeitsplätzen. Das Verschwinden unserer Heimat. Den Untergang unserer Kultur. Die Apokalypse.

Die selben Personen, die 5 Minuten vorher noch David Alabas verwandelten Elfmeter gegen Schweden frenetisch bejubelt haben, sich noch nie so wohl in ihrer Haut als Österreicher gefühlt haben und dankend ihr Puma Trikot mit dem Namen des Jahrhunderttalentes, dessen Migrationshintergrund nicht zu leugnen ist, küssen, sitzen kurz danach vor ihrer Tastatur und schreiben sich auf den Facebookseiten diverser rechter Österreichischer Politiker mit zahntechnischem Hintergrund und Ibiza-Affinität die Unzufriedenheit mit ihrem eigenen Leben von der Seele, indem mit standardisierten Hetzkommentaren nicht persönlich bekannten Menschen das Verlassen unseres Landes nahe gelegt wird.

Sie versammeln sich in Gemeinden und mobilisieren gegen die Unterbringung von Menschen, die aus Angst vor dem Tod aus einem Bürgerkriegsgebiet in die Festung Europa geflohen sind. Sie besteigen mitternächtlich in Tirol irgendwelche Almen um anschließend mit Feuerwerkskörpern und Softguns ohnehin schon traumatisierten Asylwerbern den nächsten Schock einzujagen. Sie predigen die Ausbeutung des Sozialstaats durch Sozialschmarotzer, während sie selber mit ihrer erschlichenen Krankschreibung daheim vor dem Fernseher den 3. Championsleague Titel in Folge bei FIFA erringen. Sie mutieren zu religiös-fanatischen Spontanpredigern, wenn in Telfs ein 15 Meter hohes Minarett errichtet wird, welches im Vergleich zu den meisten Kirchtürmen wegen Bedeutungslosigkeit einen Minderwertigkeitskomplex kriegen würde und dessen Geräuschkulisse sich nicht auf Glockenklingen sondern nur das Knarren der Eingangstür beschränkt.
Menschen, die unvermittelt gegen den aufstrebenden Salafismus in Österreich wettern ohne gleichzeitig in der Lage zu sein selbigen zumindest buchstabieren zu können geschweige denn auf 10.000 km genau die Lage von Kobane auf einem Globus festlegen zu können.Sei rügen die Schwarzarbeit von nicht legal arbeitsfähigen Asylwerbern, während sie gleichzeitig den Tisch ihres Bekannten ohne Rechnung zimmern. Asylwerber sind für sie der Grund sämtlicher gesellschaftlicher Probleme.

Sie hetzen gegen Menschen, deren einziger Fehler in ihrem Leben darin bestanden hat, in Syrien geboren zu sein. Menschen, deren einziger Besitz in der Kleidung besteht, die sie tragen. Menschen die nach Österreich nur gekommen sind um das nackte Überleben zu sichern. Sie beklagen die Überschwemmung mit Asylwerbern, während Tirol mit weniger als 2.000 Flüchtlingen auf über 700.000 Einwohnern nicht mal die lächerlich niedrige Soll-Quote erfüllt.

Sie beklagen Massenverarmung auf Grund von Einwanderung während sie in der Schlange vor dem Apple Store auf das vierte neue I-Phone innerhalb der letzten 3 Jahre warten. Sie fühlen sich durch fremde Sprachen in der Öffentlichkeit gestört, während sie selber nicht zögern ihre Kaugummis auf der Straße zu entsorgen und andere Menschen damit mit einer neuen Schuhbesohlung zwangsbeglücken.  Sie kritisieren die Rolle der Frau im Islam, während sie sich in ihren Burschenschaften im geschlossenen männlichen Kreis, zu dessen Zugang Frau-Sein ein Ausschlusskriterium ist, mit Säbeln nette Verzierungen in die Backen schnitzen. Sie kritisieren die Verschandelung der Landschaft durch Moscheen und rauben mit ihren 10 Liter SUVs der Natur auch die letzte Hoffnung auf ein nachhaltiges Dasein. Sie fordern die sofortige Abschiebung von verurteileten Flüchtlingen und sitzen zugleich vorbestraft im Nationalrat und füllen die Parteikassen durch mysteriöse Geldflüsse zum Schaden der Allgemeinheit auf.

Der ultimative Selbstbetrug – Doppelmoral und Scheinheiligkeit in Reinkultur. 

Zeigen wir nicht immer bei sämtlichen Missständen mit dem Finger auf Menschen mit anderer Religion und Kultur nur weil sie sich gerade als passender Schuldiger anbieten und sich nicht wehren können. Kompensieren wir die Unzufriedenheit mir unserem eigenen Leben nicht dadurch, dass wir uns als „Österreicher“ als besseren Menschen fühlen. Verschleiern wir unsere Engstirnigkeit, Intoleranz und Furcht vor Veränderungen nicht länger mit Begriffen wie „Tradition“ oder „Heimat“. Hören wir auf uns selber etwas vorzuspielen. Seien wir ehrlich gegenüber uns selbst.

David Alaba wird irgendwann wieder ins Nationalteam zurückkehren, spätestens nächstes Jahr. Die Intoleranz und Doppelmoral bleibt.

P.S. Herzlichen Dank an dieser Stelle an meinen hochverehrten und geschätzten Blog-Co-Autor und Literat von Weltformat Daniel Trommer, dessen Text über die Schwierigkeiten Bayern-Fan zu sein auf Grund einer nicht weiter relevanten Vereinbarung den Grund für diese Abhandlung darstellt. Seine höchst lesenswerten Texte finden Sie hier.