Monat: Dezember 2014

Über den Wolken

Über den Wolken, da muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Diese Tatsache hat schon Reinhard Mey erkannt, oder war es Rausweich Juni? Ich verwechsel die beiden immer.

Keine Grenzen – Freiheit – Grenzenlose Freiheit, was kann es schöneres geben?

Gesagt, getan, Flug gebucht. Weihnachten zu Hause, man gönnt sich ja sonst nichts und die Dauerstreiks führen bei Lufthansa offenbar zu Schnäppchenpreisen. Mir solls egal sein, solange sich die Pilotengewerkschaft mit ihren Streiks wenigsten an meinen Stundenplan hält. Nächster unverzichtbarer Termin in meinem Terminkalender ist eine Vorlesung namens „Silvesterfeier in Istanbul, unbedingt 2 Flaschen Hochprozentiges aus Österreich mitbringen“. Komisch, diese Lehrveranstaltungsnamen heutzutage, wofür mich da meine Sekretärin wieder angemeldet hat? Aber ich bin ja schließlich auf Erasmus:

Freiheit – grenzenlose Freiheit.

Sicherheitskontrolle am Flughafeneingang in Ankara. Ich kann die Freiheit schon riechen. Offenbar aber nicht die Kontrolleure. Irgendwas an meinem Koffer scheint sie zu stören.
„Electronic? Electronic? Electronic!“ – „Well, I don’t think that i have anything electronic inside.“ – „Open!“
Ein netter Sicherheitsbeamter analysiert sorgfältig meine persönlichen Gegenstände. Meine Erklärung, am ehesten würde dem gesuchten Objekt das Kamerastativ, die mitgenommene Darabuka (türkische Trommel) oder eventuell noch bei großzügiger Auslegung mein Kamerablitz nahekommen stellen ihn offensichtlich zufrieden. Doch dann: „Fenerbahce! Fenerbahce!“ Der türkische Sicherheitsbeamte hat mein in Ankara erstandenes Trikot des türkischen Traditionsclubs entdeckt und verlautbart diesen Umstand minimalst wahrnehmbar. Ein Kollege eilt panisch quer durch die Abflughalle. Fenerbahce? Ungläubig zieht der bullige Vorzeigetürke das schwarz-gelbe Jersey aus meinem Koffer und hält es schön ausgebreitet in die Luft, begutachtet es von allen Seiten. Sein Blick verrät mir, ohne Zeugen hätte er mir vermutlich mit seinem Galatasaray-Schal die Speiseröhre von Innen gereinigt. Zähneknirschend wird mir großzügigerweise gestattet den Koffer wieder einzuräumen und zu schließen.

Freiheit – grenzenlose Freiheit.

Eine halbe Stunde vor dem planmäßigen Abflug öffnet das Gate. Offenbar das erste Mal seit meinen letzten 4 Flügen innerhalb von 3 Monaten, dass ich tatsächlich in dem von  mir gebuchten Flieger sitzen werde. Ich lasse mich an meinem online-reservierten Fensterplatz 18F nieder. Der etwas gewichtigere Typ nach mir offenbar auch. Zumindest sein rechtes Drittel. Seine Fettschwarten wuchern über die Armlehne wie die Donau beim Jahrhunderthochwasser über ihr Ufer. Mein Wohlfüllevel fällt auf einer Skala von 1-10 auf minus Drei. Sein starkes Nikotinaroma ist nicht zwingend förderlich für diesen Eindruck, die Luftqualität entspricht unvermittelt jener von Peking während der Rush Hour. Sein Raucherhusten befördert elegant kleine Speisereste auf meinen neuen schwarzen Pulli. Ich bin ja normal schon ein Kuscheltyp, heute aber mach ich da eine Ausnahme.

Freiheit – grenzenlose Freiheit.

Endlich. Essen. Seit meinen obligaten 3 Eiern zum Frühstück hab ich nichts mehr im Magen. Die gut aussehende Lufthansa Quotenblondine reicht mir das Festmahl. Was es denn als Hauptspeise gäbe, frage ich ungläubig. Es befinde sich bereits das gesamte Menü auf dem weißen Plastiktablett. Ich suche weiter. Unter einem Stück Alufolie entdecke ich schließlich einen Kötbullar und den Ansatz eines Hühnerfilets, garniert mit Zucchiniextrakt, dazu ein Dutzend Reiskörner. Einsam liegen die nahrungsähnlichen Substanzen in der Schale. Ich exe das Festmahl. Köstlich. So gesättigt war ich nicht mehr, seit ich heute Mittag versehentlich eine Fliege inhaliert habe.

Freiheit – grenzenlose Freiheit.

Gott Sei Dank. Es gibt noch den Getränkewagen. In mir erwacht ein kleiner Hoffnungsschimmer, das mangelnde Sättigungsgefühl zumindest mit einem Gratis-Vollrausch kompensieren zu können. Zum ersten Mal seit 3 Monaten wieder deutsches Bier, das wird ein Genuss. Die gutaussehende Quotenblondine zieht eine Flasche Warsteiner aus dem Kühlfach. Meinem Einwand, ich hätte doch nach Bier verlangt, kann sie nichts abgewinnen. Auch nach der zweiten Flasche ähnelt der Geschmack des Gebräus eher einem Glas Wurstwasser als gutem bayrischem Kellerbier. Der Gerstensaft quält sich die Speiseröhre hinunter wie ein Bandwurm und hinterlässt eine Spur der Zerstörung wie ein Tornado in einer texanischen Kleinstadt. Diese Geschmacksnerven sind unwiederbringlich hinüber. Ich hätte mir nie gedacht, dass ich mich jemals nach türkischem Bier sehnen werde. O du mein Efes – ich vermisse dich, du warst immer treu zu mir und ich habe dich einfach betrogen – gleich 2 Mal – mit irgendso einer billigen deutschen Schlampe, hat noch nicht mal Spaß gemacht.

Freiheit – grenzenlose Freiheit.

Zumindest eine Wirkung zeigt der Gerstensaft, wenn er schon nicht zu meiner Entspannung und meinem Genuss beiträgt – ich muss pissen. Der gewichtige Typ neben mir offenbar nicht. Sein Schnarchen lässt das Gegenteil vermuten. Nach 10 Minuten gelingt es mir, ihn aus seinen Träumen von einer Schweinshaxe und einer Stange Zigaretten zu befreien. Er erhebt sich. Elegant wie eine Abrissbirne verlässt er seinen Platz um mir das Entleeren der Blase zu ermöglichen. Ich öffne die Toilettentür. Ein bestialischer Gestank bahnt sich seinen Weg ins Freie. Den hat offensichtlich schon seit mehreren Monaten niemand mehr rausgelassen. Jetzt ist er frei. Ich zwänge mich durch den schmalen Spalt in der Wand, bei Lufthansa euphemistisch als Tür gekennzeichnet. Nach 5 Minuten habe ich es Dank meinen ausgeprägten koordinativen Fähigkeiten und meinem unvergleichlichen Bewegungstalent  erfolgreich geschafft in dem 0,75 m² Raum meinen Allerwertesten halbwegs zentral auf der Klobrille zu platzieren. Bei einem Transatlantikflug würde der Toiletteneinstieg dank obligater Morgenlatte wohl ein Ding der Unmöglichkeit darstellen, der passgenaue und hauteng anliegende Innenraum des Abkot-Tempels lässt beim Manövrieren auf den Thron keine abstehenden Körperteile zu.

Freiheit – grenzenlose Freiheit.

Der Toilettengang lässt also schon mal keine Entspannung zu, leider erübrigt sich auch mein sonstiges Austretritual (Lesen des Standard auf meinem Smartphone) dank dem schlechten Internetempfang auf 10.000 Metern Höhe. Dabei hatte Doris Bures als Infrastrukturministerin doch den Breitbandausbau gepredigt. Nichts da. Wieder nur Wahlversprechen. Vielleicht kann ich im Flugzeug zumindest noch etwas Schlaf von gestern nachholen. Entspannt lasse ich meine Rückenlehne nach hinten gleiten um  einer waagrechten Schlafposition wenigstens so nahe wie möglich zu kommen. Meine präferierte Embrionalstellung ist ob der knapp konstruierten Flugzeugsessel nur schwer möglich. Schon viel bequemer mit zurückgestellter Lehne. Mein hinterer Sitznachbar widerspricht dieser Einschätzung implizit. Vielleicht sollte ihm mal jemand erklären, dass ein Flugzeugsitz keine Darabuka ist (Sie erinnern sich, türkische Trommel). Egal, die rhythmischen Schläge auf meinem Nacken gehen bei viel gutem Willen als Massagesessel durch. Leider hab ich diesen Willen heute nicht mehr. Unvermittelt bewegt sich die Lehne vor mir kontinuierlich nach hinten. Eigentlich war dieser Raum für meine Knie vorgesehen, meine knappen 1,90 passen halt nur ziemlich schwer in die Economy Class. Meine Knie verlieren das ungleiche Duell gegen die ausgewachsene Flugzeugsitzrückenlehne vom Typ Binford 3000. Mit einem lauten Krachen verabschieden sich meine Kniescheiben und verteilen sich auf eine undefinierbare Masse von Knochenbruchstücken. Der Schmerz lässt mich bewusstlos werden. Endlich habe ich meine Ruhe.

Über den Wolken, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen sagt man, blieben darunter verborgen und dann, würde was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein.

Überall Ausländer!

Austrian Airlines Flug 88 befindet sich im Landeanflug auf den Esenboga International Airport in Ankara. Zur Feier des Tages haben die FPÖ Parteilackierer der Boing extra einen neuen Anstrich verpasst, leider hatte die Heimatfluglinie keine russische Tupolev im Repertoire, zur Not tuts auch das Produkt des Feindes. Rot-Weiß-Rot soll sie tragen zu diesem speziellen Anlass. Alles soll perfekt sein an diesem Tag. Es ist HC Straches erste Dienstreise in die Türkei seit dem Antritt seiner Funktion als „europäischer Beauftragter für Partnerschaft und Unterwürfigkeit gegenüber autoritären Regimen in Vorderasien“, eingesetzt von FPÖ-Bundesparteivorstand und damit das zentrale außenpolitische Organ der aufstrebenden österreichischen Partei. „Lieber ein Diktator im Land als ein Dönerstand!“, so Kickls Worte beim geschichtsträchtigen FPÖ Bundesparteitag. Als erster intelektueller Ideenaustausch bietet sich bei dieser Mission eine Audienz beim osmanischen Sultan Tayyip Erdogan I. natürlich an. Man wolle ein Grundsatzprogramm ausarbeiten, dessen Kernpunkte sind die Bekämpfung der Amerikanisierung und Regierungshörigkeit westlicher Medien durch gemäßigte Inhaltskontrolle sowie die Thematisierung der Verweichlichung westlicher Führer. Eine starke Hand muss her, die Seuche Parlamentarismus endlich besiegt werden. „Führerkult statt Massentumult“ – die ersten Plakate sind schon gedruckt.

Erdogan soll dabei das politische Know-How liefern, seine eiserne Führung und Homogenisierung des Landes sind für Strache wie ein Freistoßtor von Ronaldo für einen 7 jährigen Jungfußballer. Den muss ich kennen lernen, denkt er sich,  und seine Boing setzt auf der Landebahn auf. HC Strache verlässt das Flugzeug und grüßt die versammelten Massen, seine Rot-Weiß-Rote Fahne im Anschlag. Doch niemand ist gekommen zur geschichtsträchtigen Ankunft des GröZaZ St.Rache (Größter Zeltfestredner aller Zeiten). Keine Menschenmassen mit erhobenen rechten Armen, nicht einmal eine Gegendemonstration der linkslinken Gutmenschenjagdgesellschaft. Nichts.

Ein offensichtlicher Asylwerber mit komischem deutschen Akzent begleitet Heinrich, wie seine Burschenschafterkameraden ihn zu nennen pflegen, zum Zoll. Überall nehmen diese billigen türkischen Sozialschmarotzer dem deutschen Mann die Arbeitsplätze weg, Heinrich ist empört. Jetzt fordert ihn auch noch eine Frau mit Kopftuch auf Englisch auf seinen Reisepass auszuhändigen. Präventiv wirft er sich eine halbe Packung Valium ein. „Wo ich bin wird Deutsch gesprochen! Und seit wann sagt mir eine Frau was ich zu tun habe? Das einzige was eine Frau bestimmen sollte, ist mein Essen zu Mittag und die Wahl des Waschmittels! Und ein Kopftuch? Daham statt Islam!“

Bei der Gepäckausgabe ist Heinrichs Puls langsam wieder im 3-stelligen Bereich angekommen. Wie gerne würde er jetzt vor den versammelten Reisenden eine Rede über die Islamisierung des Abendlandes halten, aber Kickl hat ihm keine vorbereitet. „Wo ist mein Sklave wenn man ihn mal braucht?“. Erleichtert nimmt Strache seinen Reisekoffer aus deutschem Leder vom Band, wenigstens bringt ihm den Koffer kein Islamist. „Obstsalat statt Dschihad“ – Strache textet Kickl diesen grenzgenialen Plakatvorschlag.
Genervt verlässt er den Airport, seine bestellte Limousine wartet schon. Doch bereits von weitem erstarrt HC. Nehmen diese ungläubigen Höhlenmenschen jetzt denn jeden Arbeitsplatz weg? Auch der Fahrer ist Türke. Wohin er blickt, überall Ausländer.

Abendland in Christenhand! Weihnacht und Liebe statt Einbruch und Diebe! Glockenklang statt Muezzingesang! Heimatliebe statt Marokkanerdiebe! – Straches Hirn glüht – Gesinnungsbedingt etwa in den Ausmaßen eines Glühwürmchens –  Achtung, Nazionalsozialismus kann zu ernsthaften mentalen Folgeschäden fühlen.
Zähneknirschend steigt er zu dem extremistischen Taxifahrer in die Limousine.
Zum Recep bitte! – Efendim? – Jo heast tua weiter du Tschusch und bring mi zu enkam Führer! – Tamam.

Die Limousine setzt sich langsam in Bewegung, quer durch die Stadt zum dezenten neuen Palast des Sultans. Straches Blick friert an der Fensterscheibe fest. Der Anblick der Stadt lässt ihn erstarren. Damit hat er nicht gerechnet. Überall Ausländer.
Keine Kirchtürme sondern Moscheen, keine Schnitzelbuden sondern Kebapstände, an den Wänden keine Hakenkreuze sondern Halbmonde. Und überall Kopftücher – Strache bleibt seine 10-Uhr-Halbe fast im Hals stecken.  Auch die zahlreichen Bilder von Atatürk würde er am liebsten sofort gegen sein eigenes Konterfei, oder zumindest gegen das von Andreas Gabalier eintauschen. Immerhin kaum Frauen auf den Straßen – wenigstens mit der Rollenverteilung der Salafisten kann er sich anfreunden. Dieser Gedanke rettet ihn durch die Taxifahrt.

Eighty Lira! Straches Puls schnellt sofort wieder auf 300. Was sind denn Lira? Hier wird mit Schilling bezahlt! Bevor der Taxifahrer  den 100 Schilling Schein aus Straches Hand kognitiv realisiert hat, verlässt Strache schon mit strammem Schritt das KFZ.
Die Tore des Prunkpalastes öffnen sich. Auch die Wachen sind Tschuschen. Hier ist die Umvolkung bereits vollzogen worden. Mölzer hat noch davor gewarnt. Das vollendete Negerkonglomerat.
Für meine germanischen Leser: Klickst du hier

Gespannt wartet Strache auf die Erklärung des Sultans, wie es möglich sei, diese ganzen Sozialschmarotzer aus Tschetschenien im eigenen Land durchzufüttern. Ja nehmen die denn nicht den echten Inländern die Arbeitsplätze weg diese Asylmissbraucher?

Doch er wartet vergeblich: Da steht er vor ihm, Tayyip Erdogan. Strache erstarrt. Sogar die Führer sind jetzt Salafisten. Als Strache Erdogan mit der Abschiebung droht und irgendwas von „Nächstenliebe“ von sich gibt wird er von der Security abgeführt – sogar der Sicherheitsapparat ist von Islamisten unterwandert – diesen Ausländern kann man einfach nicht trauen.

Jetzt rauchts aber – Sigara icmek oldürür!

Wie würdest die Türkei mit einem Wort beschreiben?
Schwierige Frage – Gott sei Dank hat sie niemand gestellt.

Jene Leser die schon hoffnungsvoll damit rechnen, mit dieser Erkenntnis sei dieser Blogbeitrag auch schon wieder zu Ende und damit die 10 Euro für die von mir gekauften Klicks auf meinen Blog heute billig verdient, muss ich leider enttäuschen. Auch jene Leser die jetzt glauben, sie könnten sich 10 Euro damit verdienen sich die verbalen Ergüsse eines Studenten durchzulesen, reingelegt! Dafür gibts leider nur 5 Euro, aber nur für Neukunden – ja, Pech gehabt.

Aber wenn Sie schon so nett fragen: Ja, wie würde ich die Türkei mit einem Wort beschreiben?

Erdogan? Nein, das macht zum einen depressiv und zum anderen würde eine negative Beurteilung seiner Politik vom türkischen WordPressfilter vermutlich zensiert werden.

Schlechte Brotauswahl? Nein, wie der aufmerksame Leser schon bemerkt hat, sind das zum einen 2 Wörter und zum anderen wurde dieses Thema schon überstrapaziert (guckst du hier).

Verkehrschaos? Würde passen, aber im Vergleich zu meinen Erlebnissen in indischen Großstädten, kann man sogar den chaotischen Stadtverkehr von Ankara als geordnet und das Verkehrssystem als hervorragend ausgebaut und unausgelastet bezeichnen.

Nein, jetzt hab ichs: Rauch!

Nein, kein Pfirsicheistee Vorarlberger Produktion, auch kein Tiroler Weizenmehlmonopolist, nein, ich habe auch nicht mit meinen zweifelhaften Kochkünste einen Wohnungsbrand verursacht, obwohl das vermutlich die einzige Möglichkeit wäre, den Bakterien- und Schimmelkolonien im Badezimmer Herr/Frau zu werden.

Nein, Rauch: Rauchen, Nikotin, Kippen, Zigaretten, Glimmstängel, Sargnagel, Tabak, Sigara oder in der Türkei auch liebevoll als „Grundnahrungsmittel“ bezeichnet.

Die Türken lieben ihren Luftfilter zwischendurch. Die Raucherquote in der Türkei ist mir statistisch nicht bekannt, ein EU-Beitritt der Türkei dürfte Österreich aber als EU-Rauchweltmeister mit großem Abstand ablösen. So bleibt uns zumindest dieser zweifelhafte Titel, wir gewinnen ja sonst nichts.

Ein Barbesuch in Ankara kommt einem Tag im Dampfbad gleich, die Fernsicht gleicht jener in einem Sandsturm, der Erfinder der Nebelscheinwerfer-App für Apple und Android würde in der Türkei vermutlich reich werden. Ob die Rauchleidenschaft im neo-osmanischen Reich an der mangelnden Hausisolierung liegt, und man damit versucht sich zumindest durch innere Warmluftzirkulation zu isolieren ist mir nicht bekannt. Vielleicht liegt es aber auch nur an den niedrigen Preisen von umgerechnet 2 Euro pro Packung.
Dank der (offiziell natürlich nicht islamisch motivierten) Alkoholsteuer von knappen 100% ist man im Supermarkt mit der Frage konfrontiert für 2 Euro entweder eine Flasche Efes (bierartiges Gerstengetränk) oder eine Schachtel Marlboro zu erstehen. Ist man auf nachhaltigen Genuss aus, dürfte die Wahl wohl klar auf die Packung Zigaretten fallen.
Die hohe Steuer auf Bier diene übrigens der Volksgesundheit, so der türkische Kolumbus, Recep Tayyip Erdogan.

Egal weshalb, die nichtrauchende Bevölkerungsschicht in der Türkei dürfte sich nur knapp über den Umfragewerten des Team Stronach im einstelligen Prozentbereich bewegen, trotz der Warnhinweise auf den Packungen, welche sogar soweit gehen, erektile Dysfunktion bildlich darzustellen (die Umsetzung dieser Idee ist übrigens eher fragwürdig gelungen).

So darf ich mich nicht nur nach 5 Monaten als abhängiger Passivraucher bezeichnen und bin damit auf Grund meiner neuen Sucht nunmehr gezwungen einmal täglich die Autobahnmautstelle in Schönberg aufzusuchen, um meine tägliche Dosis Schadstoffe zu inhalieren, nein zusätzlich enthält meine Kleidung mittlerweile dermaßen viel Nikotin, dass das Einführen in die EU zu einer zolltechnischen Herausforderung werden könnte.
Auch Waschen schafft da keine Abhilfe. Die hohe Grundluftfeuchtigkeit in der Wohnung, in der Nacht verstärkt durch Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt, führt zu einer dauerhaft in den Textilien zurückbleibenden latenten Restfeuchte. Der dadurch langsam durch Zersetzungsprozesse entstehende Geruch der frisch gewaschenen Wäsche steht jenem des Nikotins um nichts nach. Über die gesundheitsschädliche Vergleichbarkeit der beiden Geruchsproben gibt es noch keine zuverlässigen Langzeitstudien. Auch ein Trocknen der Kleidung am Balkon ist keine Option, da die ohnehin schon einer Guanorückgewinnungsanlage (Guano = aus Vogelkacke gewonnener Bio-Dünger, Anmerkung der Redaktion, guckt du hier) ähnelnde Terrasse meine T-Shirts wohl innerhalb kürzester Zeit zu einem Taubenmistplatz verkommen lassen würde. Ich könnte dem Geruch natürlich auch Herr werden, indem ich mir zu jeder Mahlzeit eine Cohiba reinziehe und den Zigarettenrauch mit der Macht der Zigarre bekämpfe. Das könnte aber zum einen teuer werden, zum anderen sind die gesundheitlichen Folgen auch hier eher fragwürdig. Außerdem, was ist eine Cohiba ohne den passenden Single Malt, und da wären wir wieder bei der Alkoholsteuer, Sie erinnern sich.

Bleibt eigentlich nur eine Option: Ich muss Türke werden und mit dem Zigarettenrauchen anfangen  – ähhhhhh – nein.

Letzer Ausweg: Vielleicht schickt mir jemand eine Schachtel voll mit Tiroler Bergluft. Wobei alleine der Gedanke daran öffnet schon meine Atemwege.

Geschlossene Türen – verlorene Hoffnung

Menschenmassen am Taksimplatz. Einkaufstaschen teurer italienischer und französischer Modemarken soweit das Auge reicht. Das Zentrum des Nachtlebens Istanbuls pulsiert, auch im kühlen Spätherbst. Die türkische Oberschicht vermischt sich mit unzähligen Touristen zu einer großen Menschenmasse. So unterschiedlich die Wege dieser ganzen Menschen auch sind, sie alle eint vermutlich eines: Sie wissen in welchen vier Wänden sie die kühle Nacht verbringen können.

Fast verschluckt von der Menschenmasse aber dennoch nicht zu übersehen kauern sie am Straßenrand, unter Baugerüsten und in Hauseingängen. Unzählige einfach bekleidete Menschen, nicht wissend wie sie die Nacht, geschweige denn wie sie die nächsten Tage überleben sollen. Viele Frauen haben Kinder und Babies, stillen sie auf der Straße. Touristen und Einheimische werden um Geld gebeten, man kann es ihnen nicht verdenken. Sie verlangen keinen Luxus, sie wollen das nackte Überleben. Ängstlich und unsicher blicken mich die feuchten Augen eines Kindes am Gehsteigrand an. Mit einer Hand voll zum Verkauf stehender Taschentücher nebenan am Gehsteig, die 20 Eurocent pro Packung müssen für eine Mahlzeit reichen. Die Geschichte, die mir das Kind mit diesem hilflosen Blick erzählen will, würde uns mit ziemlicher Sicherheit nicht nur unendlich traurig und mitfühlend, sondern auch empört und entsetzt machen.

Geflohen vor dem Krieg, mit nichts anderem in Besitz als den paar Stück schmutzigen Kleidern am Körper, fanden sie Zuflucht und Schutz vor Verfolgung. Während in Syrien Minderheiten, andere Religionen und Regimekritiker von mehreren Seiten verfolgt werden und die Flucht vor der Diktatur sie direkt in die Hände des Terrors des islamischen Staats treibt, ist ihre einzige Hoffnung die Grenze zur Türkei. Dort erhalten sie Sicherheit. Der Grenzzaun sichert ihnen das Überleben, das bloße Überleben, mehr aber auch nicht. Über 1,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien hat die Türkei seit Beginn der Unruhen aufgenommen. Im Libanon sind es 200.000 mehr. Während der Libanon damit mehr als 25% seiner Landesbevölkerung als Flüchtlinge aufnimmt, ist dieser Prozentsatz bei der Türkei naturgemäß geringer. Nichts desto trotz: 1,5 Millionen Menschen leben, weil die Türkei ihre Grenzen öffnete. 1,5 Millionen Menschen haben zwar keine Besitztümer oder Behausungen mehr, aber sie leben.

1,5 Millionen Menschen fanden in der Türkei Schutz – in der gesamten EU sind es 130.000. Österreich gewährt bis dato 3500 Menschen Schutz – 1 Flüchtling auf 3000 Bürger – bei jedem einzelnen mehr gibt es kollektive Empörung – man helfe ja gern, aber bitte nicht im eigenen Land.

Die Festung Europa ist unerreichbar. Die Tore geschlossen. Stacheldrahtzaun und Grenzschutz gegen verfolgte, dem Tode geweihte Flüchtlinge. Solidarität und Mitmenschlichkeit hören an der EU-Außengrenze auf.

So versammeln sie sich in Istanbul, vor den Toren Europas. Mit der Hoffnung auf ein besseres Leben, ein Leben in Sicherheit, mit der Hoffnung auf die Gewissheit am nächsten Morgen wieder aus dem Schlaf zu erwachen. Die Europäische Union schaut zu, man kann ja schließlich nicht jedem helfen. Sollen sie halt nach Europa kommen und um Asyl ansuchen, aber bitte nicht mit dem Boot, und naja, den läppischen Grenzzaun in Griechenland, den gibts ja auch noch. Und sind die Flüchtlinge erst mal in Europa, dann sollten sich bitte doch die Länder an den Außengrenzen darum kümmern. Griechenland und Italien sind verantwortlich, damit hat Brüssel doch nichts zu tun.

Die Massen an Flüchtlingen, welche die Straßen der türkischen Großstädte säumen sind das Symbol für das kollektive Versagen der Europäischen Flüchtlingspolitik. Wenn Egoismus und Kaltherzigkeit mit einem Bild dargestellt werden sollte, man würde dieses an unzähligen türkischen Straßenecken finden.

Die reichste Region der Erde schaut weg, wenn vor seiner Haustür Menschen verfolgt werden und Hunger leiden. Man stiehlt sich aus der Verantwortung. Man verweist schließlich auf Dublin 2.

Das Dublin 2 Abkommen: Der Inbegriff der fehlgeschlagenen europäischen Integration und Identität. Eine Europäische Sozialgemeinschaft ohne Solidarität. Integration ohne Lastverteilung. Für ein Asylverfahren sei laut diesem Vertragswerk jener Staat verantwortlich, über den der Flüchtling als erstes in EU-Gebiet einreist. Sämtliche Flüchtlinge können wieder in diesen Staat zurückgeführt, sprich abgeschoben werden. Die ganze Last des europäischen Asylwesen liegt auf den Schultern der wenigen ärmeren Ländern an den EU-Außengrenzen. Diese sind logischerweise auf sich allein gestellt nicht dazu in der Lage, dem Ansturm Herr zu werden. Die Grenzen werden verriegelt. Die EU verbarrikadiert sich vor ihrem neuen Feind: notleidenden und verfolgten Flüchtlingen.

Diese Vorgangsweise, die auf den ersten Blick wie ein schlechter Aprilscherz anmutet, ist Realität. Die Europäische Gemeinschaft hört dort auf, wo es darum geht Menschen Schutz vor Verfolgung zu bieten. Eine Organisation, die für sich in Anspruch nimmt, ihre Werte und Prinzipien in der ganzen Welt verbreiten zu wollen, entzieht sich komplett der Verantwortung, wenn es um Menschlichkeit geht. Wie nur ein einziger Unterzeichner dieses Dublin 2 Abkommens noch ruhig schlafen kann ist mir unerklärlich.

Während die Türkei für ihr Verhalten im Syrien Konflikt kritisiert wird, schafft es die reiche europäische Union nicht einmal ein Zehntel der Flüchtlinge der Türkei aufzunehmen. Ein Armutszeugnis für europäische Solidität und Mitmenschlichkeit.

Ist uns unser hoher Lebensstandard so wichtig, dass wir akzeptieren können, Menschen vor unserer Haustür verhungern oder ertrinken zu lassen? Fürchten wir uns so vor dem Unbekannten, dass wir Menschen alleine lassen, wenn sie in Not sind?

Offenbar ja.