Das perfekte Chaos

Die folgenden Worte sind ein Text, der in meinem Indienurlaub im Frühjahr 2014 entstanden ist. Wer jetzt also schon instinktiv die zu viele Freizeit der Studenten verteufelt und den durchaus harten Alltag der studierenden Bevölkerungsschicht anzweifelt (was für meine Gerrmanistenfreunde ein durchaus zutreffendes Zeugnis darstellen würde), dem sei gesagt, dass mein Lebensmittelpunkt in den letzten 5 Monaten zwar überall anders war als in Tirol, aber selbst mich meine innere Unruhe nicht noch zu einem weiteren Urlaub hinreißen hat lassen. Pflichtbewusst wie ich als immerfleißiger Student bin habe ich mich mittlerweile natürlich schon wieder in meinem Home Office eingesperrt und arbeite mich durch sämtliche wissenschaftliche Fachjournale des letzte haben Jahres.  

„Train Cancelled“ – so lautet die wenig hilfreiche, aber einzige Information die wir erhalten. Unsere Urlaubsplanung scheint sich jäh in Luft aufzulösen. Dass wir dabei geschätzte 5 mal von Büro 1 in Büro 2 und zurück verwiesen werden und offensichtlich so Recht niemand weiß, wie mit dieser Situation umzugehen ist, obwohl diese in Indien wohl kaum ein außergewöhnliches Ereignis darstellt, verstärkt den Eindruck des perfekten Chaos zunehmend.

Doch was man sich als Mitteleuropäer nur schwer vorstellen kann ist in Indien Alltag – ein systematisches Chaos. Um beim Paradebeispiel Zugverkehr zu bleiben: Die Abfahrtszeiten sind bestenfalls unverbindliche Richtwerte. 7 Stunden Verspätung sind keine unglückliche Ausnahme, sondern der landesübliche Richtwert. Und so sind die Wartehallen der indischen Bahnhöfe ein Spiegelbild des gesamten Subkontinents – überfüllt, chaotisch und somit hygienisch in zweifelhaftem Zustand. Es scheint als würden in diesem Land einfach zu viele Personen auf zu wenig Raum ihr Dasein verbringen.

Die Straßen, auch wenn diese Bezeichnung für die einem österreichischen Bergweg ähnelden und mit beachtlichen Terrainunterschieden ausgestatteten Fahrbahnen etwas euphemistisch gewählt  ist, sind quasi ununterbrochen überfüllt, Verkehrsregeln scheinen ebenso wenig zu existieren wie TÜV-Plaketten für die zahlreichen Kleinwägen. Das atmosphärische Treiben auf Indiens Straßen wird untermalt von einem konstanten Hupkonzerrt, gegen das HC Straches neuester Rap wie Beethovens Neunte die Ohren erfreut. Nicht nur die Aufforderungen an den Hecks der Lastwägen, doch bitte beim Überholvorgang zu hupen, vermittlen den Eindruck, dass das Betätigen des Signalhorns hier weniger eine Warnung darstellt, sondern viel mehr zum guten Ton gehört. Ebenso Teil der indischen Mentalität scheint der Drang zur ubiquitären Müllentsorgung zu sein. So gleichen die Straßengräben und Fußwege fast exakt der Vorstellung einer gemeinen europäischen Deponie, mit Ausnahme der nicht existenten Mülltrennung. Das Wort Hygiene scheint im indischen Duden, sofern ein solcher bei über 100 Landessprachen überhaupt existiert, nicht aufzuscheinen. Die Rattenkolonien in den Bahnhofshallen würden das sicher bestätigen. 

So abstoßend dieser Eindruck nun wirken mag, das alles verleiht Indien diesen ganz speziellen Charme, der jeden Besucher in seinen Bann zieht, sobald man die ersten Ekelgefühle erst einmal abgelegt hat. Unordnung und Schmutz sind nicht mehr als die Entspanntheit und Zufriedenheit der indischen Bevölkerung. 

Abgesehen von den fatalen ökologischen Folgen vermittelt dieses scheinbar perfekte Chaos die Seele eines Landes, in dem Globalisierung und Industriegesellschaft mit traditionellen Strukturen und bitterer Armut aufeinanderprallen und so enorme Kontraste und Gegensätze schaffen – Gegensätze, die jeden Schritt durch dieses Land zu einem besonderen machen. 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s