Überall Ausländer!

Austrian Airlines Flug 88 befindet sich im Landeanflug auf den Esenboga International Airport in Ankara. Zur Feier des Tages haben die FPÖ Parteilackierer der Boing extra einen neuen Anstrich verpasst, leider hatte die Heimatfluglinie keine russische Tupolev im Repertoire, zur Not tuts auch das Produkt des Feindes. Rot-Weiß-Rot soll sie tragen zu diesem speziellen Anlass. Alles soll perfekt sein an diesem Tag. Es ist HC Straches erste Dienstreise in die Türkei seit dem Antritt seiner Funktion als „europäischer Beauftragter für Partnerschaft und Unterwürfigkeit gegenüber autoritären Regimen in Vorderasien“, eingesetzt von FPÖ-Bundesparteivorstand und damit das zentrale außenpolitische Organ der aufstrebenden österreichischen Partei. „Lieber ein Diktator im Land als ein Dönerstand!“, so Kickls Worte beim geschichtsträchtigen FPÖ Bundesparteitag. Als erster intelektueller Ideenaustausch bietet sich bei dieser Mission eine Audienz beim osmanischen Sultan Tayyip Erdogan I. natürlich an. Man wolle ein Grundsatzprogramm ausarbeiten, dessen Kernpunkte sind die Bekämpfung der Amerikanisierung und Regierungshörigkeit westlicher Medien durch gemäßigte Inhaltskontrolle sowie die Thematisierung der Verweichlichung westlicher Führer. Eine starke Hand muss her, die Seuche Parlamentarismus endlich besiegt werden. „Führerkult statt Massentumult“ – die ersten Plakate sind schon gedruckt.

Erdogan soll dabei das politische Know-How liefern, seine eiserne Führung und Homogenisierung des Landes sind für Strache wie ein Freistoßtor von Ronaldo für einen 7 jährigen Jungfußballer. Den muss ich kennen lernen, denkt er sich,  und seine Boing setzt auf der Landebahn auf. HC Strache verlässt das Flugzeug und grüßt die versammelten Massen, seine Rot-Weiß-Rote Fahne im Anschlag. Doch niemand ist gekommen zur geschichtsträchtigen Ankunft des GröZaZ St.Rache (Größter Zeltfestredner aller Zeiten). Keine Menschenmassen mit erhobenen rechten Armen, nicht einmal eine Gegendemonstration der linkslinken Gutmenschenjagdgesellschaft. Nichts.

Ein offensichtlicher Asylwerber mit komischem deutschen Akzent begleitet Heinrich, wie seine Burschenschafterkameraden ihn zu nennen pflegen, zum Zoll. Überall nehmen diese billigen türkischen Sozialschmarotzer dem deutschen Mann die Arbeitsplätze weg, Heinrich ist empört. Jetzt fordert ihn auch noch eine Frau mit Kopftuch auf Englisch auf seinen Reisepass auszuhändigen. Präventiv wirft er sich eine halbe Packung Valium ein. „Wo ich bin wird Deutsch gesprochen! Und seit wann sagt mir eine Frau was ich zu tun habe? Das einzige was eine Frau bestimmen sollte, ist mein Essen zu Mittag und die Wahl des Waschmittels! Und ein Kopftuch? Daham statt Islam!“

Bei der Gepäckausgabe ist Heinrichs Puls langsam wieder im 3-stelligen Bereich angekommen. Wie gerne würde er jetzt vor den versammelten Reisenden eine Rede über die Islamisierung des Abendlandes halten, aber Kickl hat ihm keine vorbereitet. „Wo ist mein Sklave wenn man ihn mal braucht?“. Erleichtert nimmt Strache seinen Reisekoffer aus deutschem Leder vom Band, wenigstens bringt ihm den Koffer kein Islamist. „Obstsalat statt Dschihad“ – Strache textet Kickl diesen grenzgenialen Plakatvorschlag.
Genervt verlässt er den Airport, seine bestellte Limousine wartet schon. Doch bereits von weitem erstarrt HC. Nehmen diese ungläubigen Höhlenmenschen jetzt denn jeden Arbeitsplatz weg? Auch der Fahrer ist Türke. Wohin er blickt, überall Ausländer.

Abendland in Christenhand! Weihnacht und Liebe statt Einbruch und Diebe! Glockenklang statt Muezzingesang! Heimatliebe statt Marokkanerdiebe! – Straches Hirn glüht – Gesinnungsbedingt etwa in den Ausmaßen eines Glühwürmchens –  Achtung, Nazionalsozialismus kann zu ernsthaften mentalen Folgeschäden fühlen.
Zähneknirschend steigt er zu dem extremistischen Taxifahrer in die Limousine.
Zum Recep bitte! – Efendim? – Jo heast tua weiter du Tschusch und bring mi zu enkam Führer! – Tamam.

Die Limousine setzt sich langsam in Bewegung, quer durch die Stadt zum dezenten neuen Palast des Sultans. Straches Blick friert an der Fensterscheibe fest. Der Anblick der Stadt lässt ihn erstarren. Damit hat er nicht gerechnet. Überall Ausländer.
Keine Kirchtürme sondern Moscheen, keine Schnitzelbuden sondern Kebapstände, an den Wänden keine Hakenkreuze sondern Halbmonde. Und überall Kopftücher – Strache bleibt seine 10-Uhr-Halbe fast im Hals stecken.  Auch die zahlreichen Bilder von Atatürk würde er am liebsten sofort gegen sein eigenes Konterfei, oder zumindest gegen das von Andreas Gabalier eintauschen. Immerhin kaum Frauen auf den Straßen – wenigstens mit der Rollenverteilung der Salafisten kann er sich anfreunden. Dieser Gedanke rettet ihn durch die Taxifahrt.

Eighty Lira! Straches Puls schnellt sofort wieder auf 300. Was sind denn Lira? Hier wird mit Schilling bezahlt! Bevor der Taxifahrer  den 100 Schilling Schein aus Straches Hand kognitiv realisiert hat, verlässt Strache schon mit strammem Schritt das KFZ.
Die Tore des Prunkpalastes öffnen sich. Auch die Wachen sind Tschuschen. Hier ist die Umvolkung bereits vollzogen worden. Mölzer hat noch davor gewarnt. Das vollendete Negerkonglomerat.
Für meine germanischen Leser: Klickst du hier

Gespannt wartet Strache auf die Erklärung des Sultans, wie es möglich sei, diese ganzen Sozialschmarotzer aus Tschetschenien im eigenen Land durchzufüttern. Ja nehmen die denn nicht den echten Inländern die Arbeitsplätze weg diese Asylmissbraucher?

Doch er wartet vergeblich: Da steht er vor ihm, Tayyip Erdogan. Strache erstarrt. Sogar die Führer sind jetzt Salafisten. Als Strache Erdogan mit der Abschiebung droht und irgendwas von „Nächstenliebe“ von sich gibt wird er von der Security abgeführt – sogar der Sicherheitsapparat ist von Islamisten unterwandert – diesen Ausländern kann man einfach nicht trauen.

Jetzt rauchts aber – Sigara icmek oldürür!

Wie würdest die Türkei mit einem Wort beschreiben?
Schwierige Frage – Gott sei Dank hat sie niemand gestellt.

Jene Leser die schon hoffnungsvoll damit rechnen, mit dieser Erkenntnis sei dieser Blogbeitrag auch schon wieder zu Ende und damit die 10 Euro für die von mir gekauften Klicks auf meinen Blog heute billig verdient, muss ich leider enttäuschen. Auch jene Leser die jetzt glauben, sie könnten sich 10 Euro damit verdienen sich die verbalen Ergüsse eines Studenten durchzulesen, reingelegt! Dafür gibts leider nur 5 Euro, aber nur für Neukunden – ja, Pech gehabt.

Aber wenn Sie schon so nett fragen: Ja, wie würde ich die Türkei mit einem Wort beschreiben?

Erdogan? Nein, das macht zum einen depressiv und zum anderen würde eine negative Beurteilung seiner Politik vom türkischen WordPressfilter vermutlich zensiert werden.

Schlechte Brotauswahl? Nein, wie der aufmerksame Leser schon bemerkt hat, sind das zum einen 2 Wörter und zum anderen wurde dieses Thema schon überstrapaziert (guckst du hier).

Verkehrschaos? Würde passen, aber im Vergleich zu meinen Erlebnissen in indischen Großstädten, kann man sogar den chaotischen Stadtverkehr von Ankara als geordnet und das Verkehrssystem als hervorragend ausgebaut und unausgelastet bezeichnen.

Nein, jetzt hab ichs: Rauch!

Nein, kein Pfirsicheistee Vorarlberger Produktion, auch kein Tiroler Weizenmehlmonopolist, nein, ich habe auch nicht mit meinen zweifelhaften Kochkünste einen Wohnungsbrand verursacht, obwohl das vermutlich die einzige Möglichkeit wäre, den Bakterien- und Schimmelkolonien im Badezimmer Herr/Frau zu werden.

Nein, Rauch: Rauchen, Nikotin, Kippen, Zigaretten, Glimmstängel, Sargnagel, Tabak, Sigara oder in der Türkei auch liebevoll als „Grundnahrungsmittel“ bezeichnet.

Die Türken lieben ihren Luftfilter zwischendurch. Die Raucherquote in der Türkei ist mir statistisch nicht bekannt, ein EU-Beitritt der Türkei dürfte Österreich aber als EU-Rauchweltmeister mit großem Abstand ablösen. So bleibt uns zumindest dieser zweifelhafte Titel, wir gewinnen ja sonst nichts.

Ein Barbesuch in Ankara kommt einem Tag im Dampfbad gleich, die Fernsicht gleicht jener in einem Sandsturm, der Erfinder der Nebelscheinwerfer-App für Apple und Android würde in der Türkei vermutlich reich werden. Ob die Rauchleidenschaft im neo-osmanischen Reich an der mangelnden Hausisolierung liegt, und man damit versucht sich zumindest durch innere Warmluftzirkulation zu isolieren ist mir nicht bekannt. Vielleicht liegt es aber auch nur an den niedrigen Preisen von umgerechnet 2 Euro pro Packung.
Dank der (offiziell natürlich nicht islamisch motivierten) Alkoholsteuer von knappen 100% ist man im Supermarkt mit der Frage konfrontiert für 2 Euro entweder eine Flasche Efes (bierartiges Gerstengetränk) oder eine Schachtel Marlboro zu erstehen. Ist man auf nachhaltigen Genuss aus, dürfte die Wahl wohl klar auf die Packung Zigaretten fallen.
Die hohe Steuer auf Bier diene übrigens der Volksgesundheit, so der türkische Kolumbus, Recep Tayyip Erdogan.

Egal weshalb, die nichtrauchende Bevölkerungsschicht in der Türkei dürfte sich nur knapp über den Umfragewerten des Team Stronach im einstelligen Prozentbereich bewegen, trotz der Warnhinweise auf den Packungen, welche sogar soweit gehen, erektile Dysfunktion bildlich darzustellen (die Umsetzung dieser Idee ist übrigens eher fragwürdig gelungen).

So darf ich mich nicht nur nach 5 Monaten als abhängiger Passivraucher bezeichnen und bin damit auf Grund meiner neuen Sucht nunmehr gezwungen einmal täglich die Autobahnmautstelle in Schönberg aufzusuchen, um meine tägliche Dosis Schadstoffe zu inhalieren, nein zusätzlich enthält meine Kleidung mittlerweile dermaßen viel Nikotin, dass das Einführen in die EU zu einer zolltechnischen Herausforderung werden könnte.
Auch Waschen schafft da keine Abhilfe. Die hohe Grundluftfeuchtigkeit in der Wohnung, in der Nacht verstärkt durch Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt, führt zu einer dauerhaft in den Textilien zurückbleibenden latenten Restfeuchte. Der dadurch langsam durch Zersetzungsprozesse entstehende Geruch der frisch gewaschenen Wäsche steht jenem des Nikotins um nichts nach. Über die gesundheitsschädliche Vergleichbarkeit der beiden Geruchsproben gibt es noch keine zuverlässigen Langzeitstudien. Auch ein Trocknen der Kleidung am Balkon ist keine Option, da die ohnehin schon einer Guanorückgewinnungsanlage (Guano = aus Vogelkacke gewonnener Bio-Dünger, Anmerkung der Redaktion, guckt du hier) ähnelnde Terrasse meine T-Shirts wohl innerhalb kürzester Zeit zu einem Taubenmistplatz verkommen lassen würde. Ich könnte dem Geruch natürlich auch Herr werden, indem ich mir zu jeder Mahlzeit eine Cohiba reinziehe und den Zigarettenrauch mit der Macht der Zigarre bekämpfe. Das könnte aber zum einen teuer werden, zum anderen sind die gesundheitlichen Folgen auch hier eher fragwürdig. Außerdem, was ist eine Cohiba ohne den passenden Single Malt, und da wären wir wieder bei der Alkoholsteuer, Sie erinnern sich.

Bleibt eigentlich nur eine Option: Ich muss Türke werden und mit dem Zigarettenrauchen anfangen  – ähhhhhh – nein.

Letzer Ausweg: Vielleicht schickt mir jemand eine Schachtel voll mit Tiroler Bergluft. Wobei alleine der Gedanke daran öffnet schon meine Atemwege.

Geschlossene Türen – verlorene Hoffnung

Menschenmassen am Taksimplatz. Einkaufstaschen teurer italienischer und französischer Modemarken soweit das Auge reicht. Das Zentrum des Nachtlebens Istanbuls pulsiert, auch im kühlen Spätherbst. Die türkische Oberschicht vermischt sich mit unzähligen Touristen zu einer großen Menschenmasse. So unterschiedlich die Wege dieser ganzen Menschen auch sind, sie alle eint vermutlich eines: Sie wissen in welchen vier Wänden sie die kühle Nacht verbringen können.

Fast verschluckt von der Menschenmasse aber dennoch nicht zu übersehen kauern sie am Straßenrand, unter Baugerüsten und in Hauseingängen. Unzählige einfach bekleidete Menschen, nicht wissend wie sie die Nacht, geschweige denn wie sie die nächsten Tage überleben sollen. Viele Frauen haben Kinder und Babies, stillen sie auf der Straße. Touristen und Einheimische werden um Geld gebeten, man kann es ihnen nicht verdenken. Sie verlangen keinen Luxus, sie wollen das nackte Überleben. Ängstlich und unsicher blicken mich die feuchten Augen eines Kindes am Gehsteigrand an. Mit einer Hand voll zum Verkauf stehender Taschentücher nebenan am Gehsteig, die 20 Eurocent pro Packung müssen für eine Mahlzeit reichen. Die Geschichte, die mir das Kind mit diesem hilflosen Blick erzählen will, würde uns mit ziemlicher Sicherheit nicht nur unendlich traurig und mitfühlend, sondern auch empört und entsetzt machen.

Geflohen vor dem Krieg, mit nichts anderem in Besitz als den paar Stück schmutzigen Kleidern am Körper, fanden sie Zuflucht und Schutz vor Verfolgung. Während in Syrien Minderheiten, andere Religionen und Regimekritiker von mehreren Seiten verfolgt werden und die Flucht vor der Diktatur sie direkt in die Hände des Terrors des islamischen Staats treibt, ist ihre einzige Hoffnung die Grenze zur Türkei. Dort erhalten sie Sicherheit. Der Grenzzaun sichert ihnen das Überleben, das bloße Überleben, mehr aber auch nicht. Über 1,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien hat die Türkei seit Beginn der Unruhen aufgenommen. Im Libanon sind es 200.000 mehr. Während der Libanon damit mehr als 25% seiner Landesbevölkerung als Flüchtlinge aufnimmt, ist dieser Prozentsatz bei der Türkei naturgemäß geringer. Nichts desto trotz: 1,5 Millionen Menschen leben, weil die Türkei ihre Grenzen öffnete. 1,5 Millionen Menschen haben zwar keine Besitztümer oder Behausungen mehr, aber sie leben.

1,5 Millionen Menschen fanden in der Türkei Schutz – in der gesamten EU sind es 130.000. Österreich gewährt bis dato 3500 Menschen Schutz – 1 Flüchtling auf 3000 Bürger – bei jedem einzelnen mehr gibt es kollektive Empörung – man helfe ja gern, aber bitte nicht im eigenen Land.

Die Festung Europa ist unerreichbar. Die Tore geschlossen. Stacheldrahtzaun und Grenzschutz gegen verfolgte, dem Tode geweihte Flüchtlinge. Solidarität und Mitmenschlichkeit hören an der EU-Außengrenze auf.

So versammeln sie sich in Istanbul, vor den Toren Europas. Mit der Hoffnung auf ein besseres Leben, ein Leben in Sicherheit, mit der Hoffnung auf die Gewissheit am nächsten Morgen wieder aus dem Schlaf zu erwachen. Die Europäische Union schaut zu, man kann ja schließlich nicht jedem helfen. Sollen sie halt nach Europa kommen und um Asyl ansuchen, aber bitte nicht mit dem Boot, und naja, den läppischen Grenzzaun in Griechenland, den gibts ja auch noch. Und sind die Flüchtlinge erst mal in Europa, dann sollten sich bitte doch die Länder an den Außengrenzen darum kümmern. Griechenland und Italien sind verantwortlich, damit hat Brüssel doch nichts zu tun.

Die Massen an Flüchtlingen, welche die Straßen der türkischen Großstädte säumen sind das Symbol für das kollektive Versagen der Europäischen Flüchtlingspolitik. Wenn Egoismus und Kaltherzigkeit mit einem Bild dargestellt werden sollte, man würde dieses an unzähligen türkischen Straßenecken finden.

Die reichste Region der Erde schaut weg, wenn vor seiner Haustür Menschen verfolgt werden und Hunger leiden. Man stiehlt sich aus der Verantwortung. Man verweist schließlich auf Dublin 2.

Das Dublin 2 Abkommen: Der Inbegriff der fehlgeschlagenen europäischen Integration und Identität. Eine Europäische Sozialgemeinschaft ohne Solidarität. Integration ohne Lastverteilung. Für ein Asylverfahren sei laut diesem Vertragswerk jener Staat verantwortlich, über den der Flüchtling als erstes in EU-Gebiet einreist. Sämtliche Flüchtlinge können wieder in diesen Staat zurückgeführt, sprich abgeschoben werden. Die ganze Last des europäischen Asylwesen liegt auf den Schultern der wenigen ärmeren Ländern an den EU-Außengrenzen. Diese sind logischerweise auf sich allein gestellt nicht dazu in der Lage, dem Ansturm Herr zu werden. Die Grenzen werden verriegelt. Die EU verbarrikadiert sich vor ihrem neuen Feind: notleidenden und verfolgten Flüchtlingen.

Diese Vorgangsweise, die auf den ersten Blick wie ein schlechter Aprilscherz anmutet, ist Realität. Die Europäische Gemeinschaft hört dort auf, wo es darum geht Menschen Schutz vor Verfolgung zu bieten. Eine Organisation, die für sich in Anspruch nimmt, ihre Werte und Prinzipien in der ganzen Welt verbreiten zu wollen, entzieht sich komplett der Verantwortung, wenn es um Menschlichkeit geht. Wie nur ein einziger Unterzeichner dieses Dublin 2 Abkommens noch ruhig schlafen kann ist mir unerklärlich.

Während die Türkei für ihr Verhalten im Syrien Konflikt kritisiert wird, schafft es die reiche europäische Union nicht einmal ein Zehntel der Flüchtlinge der Türkei aufzunehmen. Ein Armutszeugnis für europäische Solidität und Mitmenschlichkeit.

Ist uns unser hoher Lebensstandard so wichtig, dass wir akzeptieren können, Menschen vor unserer Haustür verhungern oder ertrinken zu lassen? Fürchten wir uns so vor dem Unbekannten, dass wir Menschen alleine lassen, wenn sie in Not sind?

Offenbar ja.

Die Renaissance der Zivilgesellschaft – Apokalypse durch Lufthunderter

Abkassieren statt ordentlich regieren! ; warscheinlich eingeraucht und von der rot grünen fraktiion ; ihr Schädlinge wählt diesen Irrsinn…..; Ich kann nur sagen Leute wenn der 100ter bleibt muss die Vignette weg!!; Dank den Grüninnen und ihren versifften Wählerinnen!; Für sinnvolle Ideen hatten die Grünen noch nie was übrig aber die Leute wo solche Idioten wählen gehören bestraft .; Soll mir egal sein, dann spar i ma die Vignette, es Vollpfostn.
(Übersetzungen der Postings für meine alemannischen Leser übrigens gerne auf Anfrage)
Das sind nur einige der geistreichen Postings, die ich in einer Schnellrecherche im Forum der Onlineausgabe der Qualitätszeitung Krone und in der Facebook Selbsthilfegruppe „Gegen Tempo 100 auf Tirols Autobahnen“ gefunden habe.
Schädlinge, Vollpfosten und Idioten also sind sie die bösen bösen bösen Grünen. (Im FPÖ Kampfposter Slang kreativ oft auch als GrünInnen bezeichnet).

Auf einmal existiert sie: Die österreichische Zivilgesellschaft. Aufrufe zum Widerstand, zum Rechtsbruch (natürlich benötigt man auch bei Tempo Hundert weiterhin die Vignette, diese Logik hat sich mir bis heute nicht erschlossen) und zum zivilen Ungehorsam – endlich sind sie da – Mahatma Ghandhi wäre stolz!

Das österreichische Volk wehrt sich! Während sich der Widerstand gegen die doch etwas zu hinterfragende österreichische Politik bis jetzt auf ein dezentes an den Kopf greifen und Ärgern im Keller, damit man von ja niemandem gehört wird, beschränkt hat, ist die Empörung plötzlich groß.

Und nicht etwa, weil der Hypo Alpe Adria Skandal uns schon wieder einige Milliarden mehr kostet, die Koalitionsregierung vermutlich um eigene Fehler zu vertuschen dem Steuerzahler die größt mögliche Last aufbürdet und Generationen damit belastet. Nein, auch nicht weil Pensionsprivilegien Milliarden kosten, unsere Generation kaum eine realistische Aussicht auf eine Pension hat, die zum Leben reicht, und aus wahltaktischen Gründen eine längst überfällige Pensionsreform hinausgezögert wird. Nein, auch nicht weil unser Bildungssystem als das teuerste in Europa unterdurchschnittliche Ergebnisse liefert und sich seit der Nachkriegszeit nicht mehr an die Gegenwart angepasst hat und Bildung durch die Zweiklassengesellschaft Gymnasium nach wie vor vererblich ist, damit von gewissen „Volks“Parteien die eigene schwindende Klientel mit Privilegien versorgt wird.

Nein der Grund der kollektiven Empörung ist der Versuch unser Klima und unsere Umwelt zu retten. Der Beitrag, der von jedem dafür verlangt wird: maximal 5 Minuten mehr Fahrzeit bei einer Strecke von 30 km. Wohlgemerkt mit der Annahme berechnet, dass man auf der Autobahn wohnt, der Arbeitsplatz auch an der Autobahn ist und man zufälligerweise der einzige auf der Straße ist.
Der aufmerksame Leser hat schon erkannt: Diese Bedingungen scheinen nicht wirklich realitätsnah zu sein. Unter Berücksichtigung der Umstände Berufsverkehr und LKWs und dem jetzt schon oft in weiten Teilen Tirols geltenden Lufthunderter dürfte sich die Zeitersparnis und damit jetzt längere Fahrtzeit auf Sekunden bis maximal 1 Minute beschränken (genauere Studien diesbezüglich konnten auf Grund der beschränkten finanziellen Mitteln des Autors und seines momentanen Aufenthaltsortes (politisches Asyl in der Türkei wurde beantragt) nicht durchgeführt werden).
Der Zeitverlust dürfte sich pro Tag also auf 2-3 Minuten einpendeln. Das dürfte ungefähr 10% jener Zeit entsprechen, die der durchschnittliche Autofahrer pro Tag mit der Facebook-App am stillen Örtchen verbringt und damit seinen Uriniervorgang prolongiert.

Auf jeden Fall dürfte diese 3 Minuten deutlich länger sein, als jene Zeit, die der gemeine FPÖ-Kampfposter damit verbracht hat, über diese Maßnahme (Lufthunderter) zu reflektieren. Man hätte während der Zeit, in der man sich darüber aufregt, mit seinem SUV nur mehr mit 100 km/h anstatt mit 130 km/h die Umwelt zu verpesten und die Möglichkeit durch unnötiges Langsamfahren auf der Überholspur andere zu blockieren dahinschwinden sieht, auch mit einer kurzen Recherche zu den Hintergründen dieser Maßnahme verbringen können.

Guckst du hier:

Sektorales Fahrverbot_final

Dass der Lufthunderter zwingend notwendig ist um rechtlich korrekt das sektorale Fahrverbot einzuführen und damit einen Großteil der vom gemeinen Autofahrer so heißgeliebten LKWs von der Straße zu verbannen, wird offenbar gerne ignoriert. Ob die Kenntnis dieses elementaren Umstands an obigen Postings etwas ändern würde, darf außerdem bezweifelt werden. Wen interessiert schon Feinstaub oder Klimawandel, Hauptsache der Tacho am frisch geleasten BMW X6 kann ausgefahren werden.
Es könnte natürlich auch die freiheitliche Variante ohne Rücksicht auf Urteile des europäischen Gerichtshofs gewählt werden. Europarecht ist schließlich etwas für linkslinke kiffende Gutmenschen und Autofahrerhasser. Und wie schon eine alte freizeitliche Weisheit sagt: Nur die Wählerstimmen zählen! Guckst du hier: FPÖ will Ausländermaut auch in Österreich

Als Hintergrund eventuell nützlich: Eine Ausländermaut widerspricht klar europarechtlichen Grundsätzen: Link

Auch interessant wenn auch etwas Off-Topic: Um Ausländer-Maut zu sparen: FPÖ will Wiedervereinigung mit Deutschland „offen diskutieren“ (trotz der frappierenden Ähnlichkeit zu gewöhnlichen FPÖ Presseaussendungen leider Satire).

Um wieder zum Thema zu kommen für all jene, welche die obige Grafik noch nicht restlos überzeugt hat: 2 Minuten mehr Autofahren pro Tag, 200.000 LKW weniger – Unser läppischer Beitrag gegen den Klimawandel und für unsere Lebensqualität in Tirol.

Wenn ihr euch schon unbedingt über etwas aufregen wollt – Die österreichische Politik bietet Gott sei Dank genug Gelegenheit dafür, man muss diese nur wahrnehmen. Einige Möglichkeiten wurden oben aufgezählt.
Aber es ist halt einfach zu verlockend sich über die einzige Partei aufzuregen, die, mit Ausnahme der Neos (die Satirebewegung Team Stronach einmal ausgenommen), an keiner der bundesweiten Geldversenkungen beteiligt war und anschließend mit gutem Gewissen seine Wählerstimme den Hypo-Debakel-Initiatoren zu geben.

Wen interessieren schon wirklich wichtige Probleme, solange man mit seinem SUV zumindest für wenige Sekunden bis zum nächsten Stau mit 130 km/h über die Straßen heizen kann.

Zweite Kasse bitte

Anpfiff. Österreich gegen Brasilien. WM Finale.

OK letzterer Gedanke enstpringt meinem reinen Wunschdenken. Dafür werden wir wohl bis 2026 warten müssen, bis der dann dreimalige Weltfußballer David Alaba unsere Fußballnationalmannschaft aufs Feld des Finalspiels gegen Holland führt, aufgrund des gestiegenen Meeresspiegels mit leicht veränderten Grenzen. Kapitän Mario Götze führt das Team der Niederlande auf den Platz. Ort des Geschehens: Das Nationalstadion in Pyöngyang. Fußball verbindet, man müsse die Marke FIFA international bekannt machen und neue Märkte erschießen, dafür ist Nordkorea wie prädestiniert, so der mittlerweile 90-jährige FIFA Präsident Joseph Blatter. Gerade wurde er für eine neue 35-jährige Amtszeit wiedergewählt und hat bereits Pläne verkündet, im Falle der Unmöglichkeit der abermaligen Wiederkandidatur aus Todesgründen, die FIFA Satzung dahingehend abzuändern, seinem Yorkshire Terrier Peppi die Übernahme der Amtsgeschäfte bis zu Blatters Wiedergeburt zu übertragen.
Der Gastgeber der WM, Kim Jong Dos (BadummTss) wird im Tieflader in die VIP Lounge gerollt. Er begrüßt Joseph Blatter mit einem freundschaftlichen High Five. Der arthritisgeplagte Schweizer stöhnt vor Schmerzen auf. Im Gedenken an seinen verstorbenen Vater widmet der nordkoreanische Jungdiktator den Weltmeistertitel der Nordkoreanischen Nationalmannschaft vorsorglich den bei sämtlichen nordkoreanischen Raketentests zu Tode gekommenen Thunfischen im japanischen Meer. Im Falle einer Niederlage seiner heute in Orange auflaufenden fälschlicherweiser als Niederlande bezeichneten und im Nordkoreanischen Staatsfernsehen bereits als Nationalhelden gefeierten nordkoreanischen Nationalmannschaft gegen Österreich, stößt er gegenüber dem anwesenden Bundespräsident, Bundeskanzler, Wiener Bürgermeister und nationalem Genderbeauftragten in Personalunion Heinz-Christian Strache bereits präventiv eine Drohung aus. Man werde diese westliche Propaganda nicht länger tolerieren. Österreich solle anerkennen dem nordkoreanischen Volk deutlich unterlegen zu sein. Andernfalls hat man mit ernsthaften Wirtschaftssanktionen, im äußersten Fall mit einer noch wortgewaltigeren Drohung zu rechnen.

Der gerade auf seinem Wallach mit nacktem Oberkörper ins Stadion reitende Präsident der Neosowjetischen Union mit Hauptstadt in Warschau Wladimir Putin nickt zustimmend und sichert Kim Jong Dos seine vollste Unterstützung zu. Irgendwo im 10. Wiener Gemeindebezirk bereiten Mitarbeiter der russischen Botschaft schon einmal die Stimmzettel für ein Unabhängigkeitsreferendum der „autonomen Republik Südpolen“, ehemals Wien Favoriten, vor. Wladimir Putin erkennt das Referendum an, es genüge den modernsten europäischen Standards. Das Ergebnis sei unverzüglich umzusetzen. Warschau böte sich als Kooperationspartner des neuen autonomen Gebiets an.
Der US-Präsident George TripleU Bush Junior startet vorsorglich eine Nato Übung. Österreich beteiligt sich mit dem einzigen einsatzbereiten Eurofighter. EU Kommissionspräsidentin Angela Merkel unterstreicht unterdessen ganz bewusst, dass sich die EU in dieser Frage nicht auseinanderdividieren lassen dürfe. Man dürfe die Interessen der europäischen Wirtschaft nicht den Interessen Österreichs und der drohenden völkerrechtswidrigen Annexion unterordnen. Die Neosowjetische Union und Nordkorea seien immerhin wichtige strategische Partner zur Stabilisierung der Finanzmärkte. Im Falle eines Widerstandes der EU drohe ein Rückgang der europäischen Milchproduktion in signifikantem Ausmaß.
HC Strache geißelt unterdessen die Homosexuellenlobby im österreichischen Nationalteam und zeigt sich in einer Spontanrede begeistert vom strammen nordkoreanischen Volk, welches Irrwege wie Homosexualität, Einwanderung oder Frauenwahlrecht im Keim erstickt.

Ein latenter Herzinfarkt reißt mich unvermittelt aus meinen Gedanken. Gott sei Dank. HC Strache ist noch nicht unser Bundeskanzler. Faymann verkündet immer noch das Ausmaß der Steuerreform – die ÖVP blockiert immer noch. Ist ja noch einmal gut gegangen.

Ich warte nur seit 10 Minuten in der Schlange am Supermarkt des ÖDTÜ Campus – ebenfalls ein furchteinflössender Gedanke – und war kurz in einen Tagtraum verfallen. In der Türkei wünscht man sich zum ersten Mal in seinem Leben österreichische Arbeitsmoral zurück.  In der Zeit in der eine durchschnittliche Lidl Kassiererin bereits 15 volle Einkaufswägen abgefertigt hat und Zeit für eine Rauchpause hatte, tippt der etwas apathisch wirkende Kassier im Campusmarkt immer noch den Zahlencode einer Packung Kaugummi ab. Man hat ja sonst nichts mehr vor. Kaum ist diese Herausforderung bewältigt, kommt die nächste. Eine Packung Fladenbrot – ohne Strichcode. Umso beeindruckender, dass die zweite Kassiererin offenbar die Zahlencodes sämtlicher Produkte des Supermarktes auswendig kann und quer über den Tresen laut verkündet. Weitere 5 Minuten vergehen bis diese Botschaft auch den Weg ins Kassasystem des Kollegen gefunden hat.

Währenddessen beginnt beim freundschaftlichen Länderspiel Österreich gegen Brasilien gerade die erste Halbzeit. Meine Chips und ich stehen in der Supermarktschlange und schauen nervös auf die Uhr. Man hat nur einmal im Leben die Gelegenheit die Selecao zu besiegen. Aber gut, so muss Neymar halt ohne mich ohne Fremdeinwirkung theatralisch zu Boden gehen.
Geduld ist die wichtigste Tugend in türkischen Supermärkten. Hier kann es schon einmal passieren, dass der sich unmittelbar vor einem befindliche Kunde bei Hälfte des Kassiervorganges sich unvermittelt dazu entscheidet seinen Einkaufsvorgang fortzusetzen. 10 Minuten später kommt er wieder. Ich warte immer noch in der Schlange. Der Kassier scheint diese Situation gewohnt zu sein.

Österreich hat übrigens gerade 2:1 verloren. Aber das WM-Finale 2026 gewinnen wir. Da bin ich mir sicher.

Eine Schande für Österreich (nicht überspitzt formuliert)

Es ist eigentlich nicht meine Intention meine beiden Leser immer mit dem selben Thema zu belästigen und auch nicht Ziel dieses Blogs fortan nur mehr politische Antifa Texte zu produzieren. Sehen Sie dies nun also als Vorwarnung. Wenn Sie im folgenden Text lustig geschilderte Erlebnisse eines Tiroler Vollzeitstudenten in seinem Auslandssemester erwarten, muss ich Sie leider enttäuschen und Sie stattdessen auf folgende lustige Zusammenstellung von Katzenvideos verweisen:

 

Die Geschehnisse in der österreichischen Innenpolitik der vergangen Tage lassen mir allerdings keine andere Wahl:

Aslywerber als „Erd- und Höhlenmenschen“ zu bezeichnen ist eine Sache. Die halbherzige Entschuldigung „möglicherweise etwas überzeichnet zu haben“ (aber nur unter Umständigen, vielleicht ein wenig und wenn überhaupt) die andere. Dass diese Aussagen von einem FPÖ-Politiker stammen macht die Sache zwar weniger überraschend aber umso verwerflicher. Dass dieser FPÖ-Politiker nebenbei noch Landesparteichef in Niederösterreich ist tut eigentlich auch nichts mehr zur Sache, ist aber trotzdem erwähnenswert.

Für diejenigen, die jetzt den Gipfel des Skandalberges im zugegeben gegenüber rechtsextremistischen Äußerungen ziemlich toleranten Österreich noch nicht erreicht sehn, gibt es immer noch Generalsekretäre der Bundespartei namens Kickl und deren unmittelbare Rechtfertigungen, strotzend vor Einsicht und Entschuldigungen.

Die Aussagen seien „sicherlich überspitzt“ gewesen, aber „ein Rücktritt wird nicht erfolgen. (Kurier)

Überspitzt (!!!): Ein unpassendere Wortwahl für eine ohnehin nur halbherzige Entschuldigung wäre schwer auffindbar gewesen.

In Nicht-FPÖ-Funktionär-Deutsch übersetzt: Ja vielleicht etwas zu deutlich formuliert, aber im Kern hat er Recht der Hobart. Nichts anderes als das wird mit Formulierung überspitzt ausgedrückt.

Sprich: Ja, die FPÖ Bundespartei (vertreten durch Generalsekretär Kickl) steht hinter der Äußerung ihres Landesparteichefs. Aslyanten sind Höhlenmenschen. Menschen 2. Klasse. Abschaum. – Diese Auffassung ist Parteilinie der laut Umfragen im Moment stärksten Partei in Österreich.

Diese Haltung der Bundes-FPÖ ist nicht nur noch skandalöser als die ohnehin schon skandalöse Aussage des Landespolitikers selbst sondern zudem rassistisch und menschenverachtend.
Dass nach solchen Äußerungen nicht sämtliche beteiligten Personen (im Zweifel also die gesamte FPÖ Führungsrige) ohne zu Zögern zurücktritt, ist auch nur in Österreich möglich. Dass eine menschenverachtende Partei von einem Viertel aller wahlberechtigten Personen gewählt wird ebenso.

Möglich ist es allerdings nicht, so viel zu Essen wie man bei diesen Äußerungen des Herrn Kickl kotzen könnte.

Da stellt sich abschließend die Frage, wer denn nun die eigentlichen Erd- und Höhlenmenschen in unserer Gesellschaft sind. Der Herr Kickl und seine Partei sind auf jeden Fall ein heißer Tipp (etwas überspitzt).

Selbstbetrug und Doppelmoral

Die Nachrichten überschlagen sich, sämtliche Online Portale laufen heiß, den Journalisten und Redakteuren sowie den  redakteurähnlichen Subjekten (oft in „Österreich“ oder für meine alemannischen Leser „Bild“ Redaktionen beheimatet) laufen die Schweißperlen wie aus Kübeln von der Stirn. Angespannte Stimmung in den Kaffeehäusern Österreichs, irgendwo im südlichen Niederösterreich fällt einer Billa Verkäuferin zitternd die Vorteilscard aus der Hand und Michael Häupl verschüttet vor Schreck sein 10. Achterl Spritzwein. Selbst die ÖVP Obmanndebatte setzt für den Bruchteil einer Sekunde aus. Ein Land hält den Atem an. David Alaba hat sich verletzt.

Eine Nachricht verbreitet sich wie eine Druckwelle durch Österreich. Die Gazetten verbreiten die Hiobsbotschaft: Das Nationalteam muss gegen Russland ohne den Weltstar vom FC Bayern München das Runde ins Eckige treten.
Kollektive Enttäuschung und Beleidsbekundungen, für ganz Österreich bricht eine Welt und damit die Hoffnung auf eine erfolgreiche EM-Qualifikation zusammen.

David Alaba ist nicht nur zweimaliger Sportler des Jahres, ein Weltstar in einer Weltsportart und die einzige Hoffnung, dass vielleicht doch noch einmal ein anderer Pokal außer jener des Stiegl/Samsung/fügen.sie.hier.einen.beliebigen.unternehmensnamen.ein.der.pokaltitel.wechselt.ohnehin.öfter.als.lothar.matthäus.seine.lebensabschnittspartnerinnen.den.namen -Cups an eine österreichische Mannschaft geht.

Nein er ist viel mehr. Er ist eine Identifikationsfigur für die Jugend, Nationalheld, das Symbol dafür, dass man auch es auch als Österreicher in einer Weltsportart wie Fußball zu etwas bringen kann, in etwa so wie das ein Schisprungweltmeister aus Simbabwe wäre. David Alaba ist Everybodies Darling, ein Vorzeigesportler über den niemand etwas schlechtes sagen kann. Beliebtheitswerte jenseits von Heinz Fischer und Peter Rapp, man kann davon ausgehen er würde bei einem Antreten mit der DAP (David Alaba Partei) aus dem Stehgreif die absolute Mehrheit bei den Nationalratswahl erreichen. Und das ohne Überschreiten des Wahlkampfbudgets um lächerliche 4 Millionen Euro (guckst du hier).

Aber David Alaba ist auch eines: Der Inbegriff der Heuchelei und Doppelmoral breiter Bevölkerungsschichten.

Wenn wieder irgendwo im 9. Bezirk einer alten Dame ihre Handtasche geklaut wird, im Rapoldipark die ein oder andere Tüte den Besitzer wechselt oder ein Taxifahrer seines Bargeldes erleichtert wird kriechen sie aus ihren Löchern, ohne genaue Kenntnis des Hintergrunds der Tat/des Täters. Es reicht auch schon das simple Unterbringen von Flüchtingen in einem leerstehenden Gasthaus. Als Anlass dient oft auch einfach eine juckende Nase oder eine verbrannte Scheibe Toastbrot. Schon sind sie da und predigen den Untergang des Abendlandes. Den hintertückischen Raub von österreichischen Arbeitsplätzen. Das Verschwinden unserer Heimat. Den Untergang unserer Kultur. Die Apokalypse.

Die selben Personen, die 5 Minuten vorher noch David Alabas verwandelten Elfmeter gegen Schweden frenetisch bejubelt haben, sich noch nie so wohl in ihrer Haut als Österreicher gefühlt haben und dankend ihr Puma Trikot mit dem Namen des Jahrhunderttalentes, dessen Migrationshintergrund nicht zu leugnen ist, küssen, sitzen kurz danach vor ihrer Tastatur und schreiben sich auf den Facebookseiten diverser rechter Österreichischer Politiker mit zahntechnischem Hintergrund und Ibiza-Affinität die Unzufriedenheit mit ihrem eigenen Leben von der Seele, indem mit standardisierten Hetzkommentaren nicht persönlich bekannten Menschen das Verlassen unseres Landes nahe gelegt wird.

Sie versammeln sich in Gemeinden und mobilisieren gegen die Unterbringung von Menschen, die aus Angst vor dem Tod aus einem Bürgerkriegsgebiet in die Festung Europa geflohen sind. Sie besteigen mitternächtlich in Tirol irgendwelche Almen um anschließend mit Feuerwerkskörpern und Softguns ohnehin schon traumatisierten Asylwerbern den nächsten Schock einzujagen. Sie predigen die Ausbeutung des Sozialstaats durch Sozialschmarotzer, während sie selber mit ihrer erschlichenen Krankschreibung daheim vor dem Fernseher den 3. Championsleague Titel in Folge bei FIFA erringen. Sie mutieren zu religiös-fanatischen Spontanpredigern, wenn in Telfs ein 15 Meter hohes Minarett errichtet wird, welches im Vergleich zu den meisten Kirchtürmen wegen Bedeutungslosigkeit einen Minderwertigkeitskomplex kriegen würde und dessen Geräuschkulisse sich nicht auf Glockenklingen sondern nur das Knarren der Eingangstür beschränkt.
Menschen, die unvermittelt gegen den aufstrebenden Salafismus in Österreich wettern ohne gleichzeitig in der Lage zu sein selbigen zumindest buchstabieren zu können geschweige denn auf 10.000 km genau die Lage von Kobane auf einem Globus festlegen zu können.Sei rügen die Schwarzarbeit von nicht legal arbeitsfähigen Asylwerbern, während sie gleichzeitig den Tisch ihres Bekannten ohne Rechnung zimmern. Asylwerber sind für sie der Grund sämtlicher gesellschaftlicher Probleme.

Sie hetzen gegen Menschen, deren einziger Fehler in ihrem Leben darin bestanden hat, in Syrien geboren zu sein. Menschen, deren einziger Besitz in der Kleidung besteht, die sie tragen. Menschen die nach Österreich nur gekommen sind um das nackte Überleben zu sichern. Sie beklagen die Überschwemmung mit Asylwerbern, während Tirol mit weniger als 2.000 Flüchtlingen auf über 700.000 Einwohnern nicht mal die lächerlich niedrige Soll-Quote erfüllt.

Sie beklagen Massenverarmung auf Grund von Einwanderung während sie in der Schlange vor dem Apple Store auf das vierte neue I-Phone innerhalb der letzten 3 Jahre warten. Sie fühlen sich durch fremde Sprachen in der Öffentlichkeit gestört, während sie selber nicht zögern ihre Kaugummis auf der Straße zu entsorgen und andere Menschen damit mit einer neuen Schuhbesohlung zwangsbeglücken.  Sie kritisieren die Rolle der Frau im Islam, während sie sich in ihren Burschenschaften im geschlossenen männlichen Kreis, zu dessen Zugang Frau-Sein ein Ausschlusskriterium ist, mit Säbeln nette Verzierungen in die Backen schnitzen. Sie kritisieren die Verschandelung der Landschaft durch Moscheen und rauben mit ihren 10 Liter SUVs der Natur auch die letzte Hoffnung auf ein nachhaltiges Dasein. Sie fordern die sofortige Abschiebung von verurteileten Flüchtlingen und sitzen zugleich vorbestraft im Nationalrat und füllen die Parteikassen durch mysteriöse Geldflüsse zum Schaden der Allgemeinheit auf.

Der ultimative Selbstbetrug – Doppelmoral und Scheinheiligkeit in Reinkultur. 

Zeigen wir nicht immer bei sämtlichen Missständen mit dem Finger auf Menschen mit anderer Religion und Kultur nur weil sie sich gerade als passender Schuldiger anbieten und sich nicht wehren können. Kompensieren wir die Unzufriedenheit mir unserem eigenen Leben nicht dadurch, dass wir uns als „Österreicher“ als besseren Menschen fühlen. Verschleiern wir unsere Engstirnigkeit, Intoleranz und Furcht vor Veränderungen nicht länger mit Begriffen wie „Tradition“ oder „Heimat“. Hören wir auf uns selber etwas vorzuspielen. Seien wir ehrlich gegenüber uns selbst.

David Alaba wird irgendwann wieder ins Nationalteam zurückkehren, spätestens nächstes Jahr. Die Intoleranz und Doppelmoral bleibt.

P.S. Herzlichen Dank an dieser Stelle an meinen hochverehrten und geschätzten Blog-Co-Autor und Literat von Weltformat Daniel Trommer, dessen Text über die Schwierigkeiten Bayern-Fan zu sein auf Grund einer nicht weiter relevanten Vereinbarung den Grund für diese Abhandlung darstellt. Seine höchst lesenswerten Texte finden Sie hier.

We love Ekmek

Panisch irrt er durch die Straßen, hektisch geht er durch die Regale verschiedenster Supermärkte in seinem Viertel. Er hat nur ein Ziel, aber dieses scheint umso utopischer zu sein. Seine Mission: Das Auffinden von schmackhaftem Brot in der Türkei.

„Ekmek is very important in Turkey, we love ekmek, we eat it all the time“

Ich komme nicht umher meine Türkisch Professorin ein weiteres mal zu zitieren, zu symptomatisch ist ihr Habitus für die türkische Lebensweise. Türken ohne Brot – das wäre etwa so wie die österreichische Nationalelf ohne Alaba, ein Ibizaurlaub ohne HC Strache oder eine Ausgabe der Tages“zeitung“ „Österreich“ ohne SPÖ Inserat. Einfach unvorstellbar. Brot stellt in diesem Land die Grundlage für so ziemlich jedes Essen dar. Ordert man Kebap, man erhält ihn auf Brot, ordert man Tavuk (Huhn) – Brot, als Vorspeise – Brot, Als Beilage – Brot, es fehlt gerade noch, dass Bier mit Brot aufgetunkt wird, gut vom Geschmackserlebnis eines Efes ausgehend bleibt eh wenig Spielraum nach unten, aber das ist ein anderes, bereits oft genug bemühtes Thema.

Man würde meinen in einem Land, in dem der Genuss des gebackenen Mehlgemisches einen derart zentralen Lebensinhalt darstellt, würde ein entsprechendes Verständnis für dessen Manufaktur vorhanden sein – weit gefehlt. Man stelle sich einen Kubikmeter Luft vor in dem ein Esslöffel Mehl zerstäubt wird – in etwa so kann man sich das durchschnittliche türkische Ekmek imaginieren. Nicht nur die geschmacklichen Defizite sondern auch die Konsistenz, welche bereits den Schneidvorgang zu einer Herausforderung werden lassen, trüben den Ekmekgenuss in Ankara in hohem Ausmaß. Es scheint als würde die Türkei das Brot auf dessen wohl wesentlichste Funktion reduzieren: Nämlich zu verhindern, dass man die Frühstücksnutella morgens direkt auf den Esstisch schmiert und anschließend seine Finger kaut. Ja diese Funktion kann das türkische Ekmek zumindest mit Abstrichen erfüllen, das Nutella findet seinen Weg in den Verdauungstrakt. Damit sind die positiven Seiten des osmanischen Brots aber auch schon erschöpfend aufgezählt.

Auch der Wechsel zu Vollkornbrot führt hier meistens nicht zum gewünschten Erfolg. Das Vollkorn in dessen Namen besteht meisten darin, dass ein paar Körner liebevoll und in mühsamer Kleinstarbeit einzeln von Hand auf die Oberfläche des Brotes geklebt werden und der Preis anschließend um 200% erhöht wird. Am Inhalt und Geschmack ändert das überraschenderweise wenig. Frei nach dem indischen Sprichwort „man kann einer Ziege ein Sakko anziehen, aber Ziege bleibt Ziege“ (mündlich aus Big Bang Theory überliefert, den typischen indischen Raj Akzent möge man sich dazudenken) machen drei Haferflocken an der Oberfläche und eine um 1-2 Graustufen dünklere Farbe eben noch kein Vollkornbrot aus. Entweder die Webseite chefkoch.de, auf der man gewiss Rezepte gegen diese geschmackliche Staublawine finden würde, ist in der Türkei wie so viele andere Portale (bwin, etc…) ebenfalls gesperrt, oder der gemeine Osmane isst sein Brot gerne geschmacksneutral und sauerstoffreich. Die Antwort auf diese Frage ist zum Redaktionsende noch nicht beantwortet.

Bleiben also 2 Möglichkeiten:

a) Selber Backen

Diese wieder schnell verworfene Idee scheitert bereits vor dem Versuch. Zum einen wird man in einer türkischen Küche vergeblich einen Backofen suchen und zum anderen beschränkt sich die Mehlauswahl (überraschenderweise) auf Weizenmehl in der 0,5, 1 oder 2 Kilopackung.

b) Und es gibt es doch! (frei nach Galileo Galilei). Zwischen unzähligen Einheiten verpackter Luft scheinen plötzlich die magischen 4 Buchstaben auf, nach denen der umherirrende fleißige Vollzeitstudent schon seit Tagen sucht:

W     A    S     A

Knäckebrotscheiben, feinstsäuberlich aneinandergereiht und verpackt. Naja, immer noch kein Vollkornbrot aber zur Not wird man halt Schwede. Immerhin mal eine Alternative zum Weizen-Luft Gemisch. Cok güzel würde der Türke jetzt sagen (und ich sage es auch, denn das ist immerhin eines der 4 türkischen Wörter die ich mittlerweile beherrsche, ja ich weiß, eher söyle böyle). Über den Preis, der auf 100 Gramm berechnet, das gemeine türkische Ekmek wohl um das 5-10 fache übertrifft, wird dezent hinweggesehen. Import kostet halt, und was tut man nicht alles für schwedische Qualität. Glücklich zieht der fleißige und stehts lernwillige Student von Dannen. Vor lauter Übermut endlich ein Brot, in dessen Zutatenliste das Wort Roggen nicht nur bloße Illusion ist, gefunden zu haben hätte er fast vergessen, dass der ausartende Genuss von Knäckebrot in Bezug auf dessen Konsistenz und Feuchtigkeitsgrad auch eher ein trockenes Erlebnis darstellt, aber was wären die großen Erfolge bekannterweise ohne die kleinen.

In diesem Sinne: afiyet olsun!

Türkisch Yok

Ohropax? In Ears? Ear-plugs? Schon lange hatte ich das Bedürfnis Activity zu spielen, dass das jedoch ausgerechnet inmitten des Carrefour Marktes im nahegelegenen Einkaufszentrum der Fall sein wird, damit hatte ich nicht gerechnet. Wir befinden uns in der Kategorie „Begriffe erklären“. Die Schwierigkeit dabei, nicht nur der gesuchte Begriff muss bei der Beschreibung vermieden werden,  nein auch die Sprache des Gegenübers wird bei der Erklärung geschickt ausgespart. Mein Mitspieler: Die freundliche Verkäuferin im Carrefour Markt im Einkaufszentrum (nein, ich bin nicht nach Frankreich geflohen und habe da um Asyl angesucht, Globalisierung sei Dank kann ich meinen täglichen Bedarf an Ayran (milchartiges Nationalgetränk, salzig aber schmackhaft) auch in einer französischen Supermarktkette stillen. Der Grund für meinen Besuch in diesem Großmarkt sind eigentlich nicht die silikonhaltigen Ohrstöpsel. Vielmehr ist dieser Supermarkt der einzige Laden im Umkreis einer Flugstunde, in dem Brot erhältlich ist, das nicht bei der ersten Berührung reflexartig einen gasförmigen Zustand annimmt und lediglich ein paar Krümel zurückbleiben. Vollkornbrot bleibt trotzdem ein frommer Wunsch, aber man wird ja bescheiden. Aber wenn ich schon einmal da bin kann ich ja gleich den verzweifelten Versuch unternehmen dem penetranten Zockverhalten meiner Mitbewohner Einhalt zu gebieten und versuchen ein paar geräuschabsorbierende Ohropax zu erstehen. Netter Versuch.

Als ich unerlaubterweise anstatt verbalen Erklärungsversuchen auf die Kategorie Pantomime umgestellt habe, minutenlang mit meinem Finger im Ohr die Aufmerksamkeit sämtlicher Kunden auf mich gezogen habe und mindestens 4 mal das Angebot von Wattestäbchen dankend abgelehnt habe resiginiere ich. Plötzlich verschwindet die Verkäuferin und deutet mir doch zu warten. Ja! Endlich! Es gibt englischsprachige Verkäufer, welche nun gerufen werden! Nice Try, Nice Try.

Statt mit einem Verkäufer kommt die nette Angestellte nun mit ihrem Smartphone wieder und tippt hektisch darauf herum. Plötzlich finde ich mich mit einem nagelneuen Galaxy S5 in der Hand wieder und telefoniere mit einer unbekannten Frau (nein ich stalke nicht). Diese spricht zunächst auf Deutsch  mit mir, anschließend versuche ich auf Englisch zu umschreiben, was ich suche. Trotz dem überraschend gutem Englisch  meines Gesprächspartners höre ich immer nur „i can’t understand you“. Ja so ist das halt mit mir und den Frauen.

Entnervt will ich gerade die Flinte ins sprichwörtliche Korn werfen als plötzlich ein Kommilitone des Weges kommt und die Situation offensichtlich ähnlich lustig findet wie ich. Mein Studienkollege, seineszeichens auch Erasmus Student, besitzt dank seines immensen Ehrgeizes schon etwas bessere Türkischkenntnisse als ich und startet einen letzten ehrenwerten Versuch in der Landessprache, vergeblich. Viel mehr als für einen außenstehenden sicher bühnenreife Kabarettnummer schaut dabei nicht heraus. Ich danke trotzdem für die großartige Hilfe. Ich bedanke mich (auf Türkisch natürlich, dafür reichen meine Kenntnisse gerade noch) und verlasse mit meinem Ayran glücklich aber ohropaxfrei das Einkaufszentrum.

Kommunikation ist schwierig in diesem wunderbaren Land. Es scheint irgendwie niemand wirklich das Bedürfnis zu verspüren die Weltsprache Englisch zu erlernen.

„I don’t care what it means in English, stop thinking in English!“

So die bemerkenswerten Worte unserer Türkischprofessorin als wir verzweifelt nach Übersetzungen der Hieroglyphen auf der Tafel fragen. Stimmt, eigentlich schon ein unverschämtes Verlangen, ich beginne hiermit auf Türkisch zu denken:

***** merhaba **** ***** ******* tamam ********* evet *********
***** **schööle böööle******** tamam **** ***   bira ****** ****** cay ** *********

Ach ja, stimmt, Türkisch, das will ich ja gerade lernen, ja vielleicht bekomm ich ja eine Spontanerleuchtung und die Bedeutungen der Worte fliegen mir im Schlaf zu. Ich könnte es ja mal mit einem Fremdsprachenerlerntanz versuchen – Nein, Gott sei Dank gibt es PONS.

Meine Ohropax habe ich übrigens bekommen, in der Apotheke spielen sie besser Activity. Vielleicht brauche ich sie ja gleich in der nächsten Vorlesung, damit mich der unverständliche in englischartiger Sprache gehaltene Vortrag des Professors der wohlgemerkt englischsprachigen Universität nicht vom Facebook-Surfen und Spiegel-Online Lesen abhält.

Güle Güle

Surrealer Alltag

Der Dampf des heißen Cays (türkischer Ceylon Tee) steigt in die Morgenlüfte eines kühlen Herbsttages am Campus der ODTÜ auf. In einem gemütlichen Garten eines Cafés sitzt ein immer fleißiger und vor Tatendrang strotzender Student auf dem Abenteuer seines Lebens vor seinem Notebook. Der Herbst hat Einzug gehalten in die anatolischen Hochebenen und so erscheint am Thermometer lediglich die kühle Temperatur von erfrischenden 12 Grad Celsius (für die nicht vorhandenen US-amerikanischen Leser dieses Blogs – nein, ich hab keine Ahnung wie viel Grad das auf der Fahrenheit Skala sind und nein, ich hab auch keinen blassen Dunst, warum sich irgendjemand die Mühe antun würde die Temperatur in Fahrenheit anzugeben). Sich am heißen Becher seines frisch um 18 Eurocent (50 Kurus) erstandenen Tees labend und wärmend sitzt der fälschlicherweise in den massenhaften Ansammlungen von germanischen Austauschstudenten oft für einen Alemannen, bisweilen auch vereinzelt für einen Südbayern gehaltene Alpenbürger und genießt die unvergleichliche Herbststimmung am Campus der ODTÜ. Der Duft von Gözleme zieht vom Nebentisch heran und verursacht leichte Hungergefühle. Bis auf die sich ob der Kälte langsam offenbarenden Taubheitsgefühle in den Fingern eines Blogschreibers ist die Welt im Mikrokosmos der ODTÜ voll mit sich im Reinen.

Unterdessen toben nur wenige Meter von der türkischen Grenze entfernt immer noch erbitterte Kämpfe zwischen den syrischen Kurden und der Terrororganisation des islamischen Staates um die letzte Bastion im Kampf gegen den Vormarsch der ISIS, die Grenzstadt Kobane. Hinter der türkischen Grenze steht das Militär bereit für den Ernstfall, Panzerbrigaden säumen den Weg. Die Türkei befindet sich am Rande eines Krieges. Im Osten des Landes liefern sich überwiegend kurdische Demonstranten Straßenschlachten mit der Polizei, sie fordern die Einrichtung eines Korridors an der syrisch-türkischen Grenze um sowohl personellen Nachschub als auch Waffennachschub in die umkämpfte Grenzstadt zu gewährleisten. Die Welle kollektiver Empörung schwappt selten auch in die westlichen Großstädte der Türkei über, es kommt ebenso zu gewalttätigen Demonstrationen („Mingling“ berichtete). Seit einer Woche ist es in Ankara aber wieder ruhig. Die Kurdengebiete im Osten befinden sich jedoch auf dem Weg in einen Bürgerkrieg. Die türkische Luftwaffe bombadiert Stellungen der Kurdischen Arbeiterpartei PKK nahe der irakischen Grenze. Die Lage droht zu eskalieren. Der 2013 begonnene Friedensprozess und die Waffenruhe zwischen den Kurden und der türkischen Regierung scheint ein jähes Ende zu finden. Gerüchte über die mögliche Wiederaufnahme des Guerillakrieges durch die PKK in der Türkei hallen durch die Medien. Die Politik von Recep Tayyip Erdogan treibt einen tiefen Keil ins Land.

Unterdessen  sitzt der Autor dieser Zeilen immer noch in einem gemütlichen Café am Campus der ODTÜ und bekommt beim Schreiben dieses Beitrags leichte Gänsehaut.

Geht’s dir gut? Ist es bei dir noch sicher? Pass bitte auf dich auf! Wenn das so weiter geht dann komm aber bitte heim!

So oder so ähnlich hören sich die meisten der in letzter Zeit gehäuften Fragen aus der Heimat an. Der zunehmende Konflikt in der Türkei ist auch in den heimischen Medien omnipräsent. Man macht sich Sorgen. Und die wenig hilfreiche und beruhigende Antwort lautet dann meistens: „Ich kann eigentlich nichts dazu sagen, ich fühl mich sicher, bei uns ist es ruhig.“

Das Land in dem ich nun 4 Monate lebe steht an einem politischen Scheidepunkt. Und an seinen Grenzen herrscht Krieg. Der Frieden in der Türkei wird sowohl von innen als auch von außen bedroht, die Politik ist ratlos. Und in Ankara herrscht Business As Usual. Die Studenten schlendern über den Campus,  die Dolmuse kämpfen sich durch den Berufsverkehr und in Kizilay fließt das abendliche Efes in Strömen. (Nein es ist kein Scherz – in diesem bierähnlichen Getränk [in der Türkei auch fälschlicherweise als Bier bezeichnet] ist wirklich Reis enthalten – das deutsche Reinheitsgebot lässt grüßen).

Aber es fühlt sich irgendwie komisch an, der Alltag beherrscht das Leben, aber im irgendwo im Hinterkopf ist der Gedanke einer gewissen Unsicherheit ständig präsent. Alles ist irgendwie surreal – Auf diesen Begriff einigten wir uns bei einem tiefgründigen Gespräch gestern Abend nach zwei Bomonti (Bier – Ja, Reis – Nein, Geschmack – gerade noch akzeptabel, die Bieransprüche in der Türkei werden langsam niedriger).

Surreal, so empfindet man das Leben hier momentan.

Krise, Unsicherheit, Terror, Bomben, Kobane – und der Dampf des heißen Cay steigt in die Morgenlüfte eines  kühlen Herbsttages.