Surrealer Alltag

Der Dampf des heißen Cays (türkischer Ceylon Tee) steigt in die Morgenlüfte eines kühlen Herbsttages am Campus der ODTÜ auf. In einem gemütlichen Garten eines Cafés sitzt ein immer fleißiger und vor Tatendrang strotzender Student auf dem Abenteuer seines Lebens vor seinem Notebook. Der Herbst hat Einzug gehalten in die anatolischen Hochebenen und so erscheint am Thermometer lediglich die kühle Temperatur von erfrischenden 12 Grad Celsius (für die nicht vorhandenen US-amerikanischen Leser dieses Blogs – nein, ich hab keine Ahnung wie viel Grad das auf der Fahrenheit Skala sind und nein, ich hab auch keinen blassen Dunst, warum sich irgendjemand die Mühe antun würde die Temperatur in Fahrenheit anzugeben). Sich am heißen Becher seines frisch um 18 Eurocent (50 Kurus) erstandenen Tees labend und wärmend sitzt der fälschlicherweise in den massenhaften Ansammlungen von germanischen Austauschstudenten oft für einen Alemannen, bisweilen auch vereinzelt für einen Südbayern gehaltene Alpenbürger und genießt die unvergleichliche Herbststimmung am Campus der ODTÜ. Der Duft von Gözleme zieht vom Nebentisch heran und verursacht leichte Hungergefühle. Bis auf die sich ob der Kälte langsam offenbarenden Taubheitsgefühle in den Fingern eines Blogschreibers ist die Welt im Mikrokosmos der ODTÜ voll mit sich im Reinen.

Unterdessen toben nur wenige Meter von der türkischen Grenze entfernt immer noch erbitterte Kämpfe zwischen den syrischen Kurden und der Terrororganisation des islamischen Staates um die letzte Bastion im Kampf gegen den Vormarsch der ISIS, die Grenzstadt Kobane. Hinter der türkischen Grenze steht das Militär bereit für den Ernstfall, Panzerbrigaden säumen den Weg. Die Türkei befindet sich am Rande eines Krieges. Im Osten des Landes liefern sich überwiegend kurdische Demonstranten Straßenschlachten mit der Polizei, sie fordern die Einrichtung eines Korridors an der syrisch-türkischen Grenze um sowohl personellen Nachschub als auch Waffennachschub in die umkämpfte Grenzstadt zu gewährleisten. Die Welle kollektiver Empörung schwappt selten auch in die westlichen Großstädte der Türkei über, es kommt ebenso zu gewalttätigen Demonstrationen („Mingling“ berichtete). Seit einer Woche ist es in Ankara aber wieder ruhig. Die Kurdengebiete im Osten befinden sich jedoch auf dem Weg in einen Bürgerkrieg. Die türkische Luftwaffe bombadiert Stellungen der Kurdischen Arbeiterpartei PKK nahe der irakischen Grenze. Die Lage droht zu eskalieren. Der 2013 begonnene Friedensprozess und die Waffenruhe zwischen den Kurden und der türkischen Regierung scheint ein jähes Ende zu finden. Gerüchte über die mögliche Wiederaufnahme des Guerillakrieges durch die PKK in der Türkei hallen durch die Medien. Die Politik von Recep Tayyip Erdogan treibt einen tiefen Keil ins Land.

Unterdessen  sitzt der Autor dieser Zeilen immer noch in einem gemütlichen Café am Campus der ODTÜ und bekommt beim Schreiben dieses Beitrags leichte Gänsehaut.

Geht’s dir gut? Ist es bei dir noch sicher? Pass bitte auf dich auf! Wenn das so weiter geht dann komm aber bitte heim!

So oder so ähnlich hören sich die meisten der in letzter Zeit gehäuften Fragen aus der Heimat an. Der zunehmende Konflikt in der Türkei ist auch in den heimischen Medien omnipräsent. Man macht sich Sorgen. Und die wenig hilfreiche und beruhigende Antwort lautet dann meistens: „Ich kann eigentlich nichts dazu sagen, ich fühl mich sicher, bei uns ist es ruhig.“

Das Land in dem ich nun 4 Monate lebe steht an einem politischen Scheidepunkt. Und an seinen Grenzen herrscht Krieg. Der Frieden in der Türkei wird sowohl von innen als auch von außen bedroht, die Politik ist ratlos. Und in Ankara herrscht Business As Usual. Die Studenten schlendern über den Campus,  die Dolmuse kämpfen sich durch den Berufsverkehr und in Kizilay fließt das abendliche Efes in Strömen. (Nein es ist kein Scherz – in diesem bierähnlichen Getränk [in der Türkei auch fälschlicherweise als Bier bezeichnet] ist wirklich Reis enthalten – das deutsche Reinheitsgebot lässt grüßen).

Aber es fühlt sich irgendwie komisch an, der Alltag beherrscht das Leben, aber im irgendwo im Hinterkopf ist der Gedanke einer gewissen Unsicherheit ständig präsent. Alles ist irgendwie surreal – Auf diesen Begriff einigten wir uns bei einem tiefgründigen Gespräch gestern Abend nach zwei Bomonti (Bier – Ja, Reis – Nein, Geschmack – gerade noch akzeptabel, die Bieransprüche in der Türkei werden langsam niedriger).

Surreal, so empfindet man das Leben hier momentan.

Krise, Unsicherheit, Terror, Bomben, Kobane – und der Dampf des heißen Cay steigt in die Morgenlüfte eines  kühlen Herbsttages.

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