Mach dir keine Sorgen, Mama

„Mach dir keine Sorgen, Mama, ich bin ja meistens auf dem Campus und da ist es sicher immer ruhig. Die Demonstrationen beschränken sich ja auf wenige Orte im Stadtzentrum.“

Das waren ungefähr meine Worte, als eine besorgte Anruferin aus der Heimat einen Lagebericht erbat und ob der politischen Unruhen in der Türkei sich vor bei mir über die Sicherheitslage informieren wollte.
Während also in Kobane, nur wenige Kilometer von der türkischen Grenze entfernt, die Terrormiliz der IS auf dem Vormarsch ist und schon ein Drittel der kurdischen Stadt erobert hat, gehen wir gerade vom an den Campus angrenzenden Einkaufszentrum wieder zurück in die Universität, um unsrer Leidenschaft, dem Lesen von dicken sozialwissenschaftlichen Wälzern, zu frönen. Noch nicht am Tor des mehrere Quadratkilometer umfassenden Campus angekommen, erkennen wir sofort, dass der Zugang zum Campus ohne ernsthafte Verletzungen in Form von Schädelbasisbrüchen oder anderen Platzwunden wohl nur schwer möglich sein wird. Ein Polizeiaufgebot, bei dem sämtliche Besucher des Wiener Akademikerballs neidisch wären, säumt den Eingangsbereich des Campus. Zum ersten Mal in meinem Leben komm ich zum zweifelhaften Vergnügen die Arbeit eines gepanzerten Wasserwerfers aus aller Nähe beurteilen zu können, trotz der Wasserknappheit in Ankara scheint für eine großzügige Fontäne noch genug vorhanden zu sein. Was wir zuerst nur durch die plötzlich einer Schotterstraße ähnelnde asphaltierte Einfahrt vermuten konnten, wird bei näherem Hinschauen deutlich: Der Grund für das Polizeiaufgebot sind ein paar Dutzend motivierte Studenten, welche ihren Unmut über die gesperrte türkisch-syrische Grenze, welche den Nachschub an kurdischen Kämpfern für den Widerstand in Kobane blockiert, durch Kleinkrieg mit der Polizei zum Ausdruck bringen. Sie bilden die Front einer 500 Personen umfassenden Demonstration am Campus der METU. Während man gemeinhin Wasserwerfer als passende Antwort auf Pflastersteinattacken verstehen würde, stellt sich die Kausalkette bei genauerer Recherche anders da. Wie mir mein demonstrierender Mitbewohner versichert, würde wohl das in der Verfassung verankerte Demonstrationsrecht die Exekutive nur am Rande tangieren, welche sich durch dieses Grundrecht nicht daran hindern lässt, unliebsame Demonstrationen gewaltsam aufzulösen. Die Pflastersteinwürfe, welche übrigens dank jahrelanger Übung mit beachtlicher Präzision und Intensität durchgeführt werden, sind somit lediglich als Antwort auf Polizeigewalt zu verstehen. Ob nun einige mit schwerer Munition ausgestattete Spezialeinheiten der Polizei und 3 Wasserwerfer eine notwendige Vorkehrungsmaßnahme bei einer an sich friedlichen Demonstration, welche sich für die Rettung von Menschenleben im Nachbarland einsetzt, ist, kann sich jeder der mittlerweile drei Leser dieses Blogs selbst überlegen. Dass mit diesem Polizeiaufgebot weitere Gewalt der Demonstranten geradezu provoziert wird, scheint die Polizei nicht zu stören. Uns jedoch schon, als wir den Einschlag eines Steines nur wenige Meter von unserem sicher geglaubten Beobachtungsplatz vernehmen. Die rechte Flanke Demonstranten, welche sich über den Campuswald Zugang zur Polizeimeute verschafft hatten, hatten wir übersehen. Das erklärt wohl auch den Einsatz der Wasserwerfer im naheliegenden Gebüsch. Wir hatten bis dahin an eine ungewöhnliche Bewässerungsmethode geglaubt – in der Türkei gewöhnt man sich Hinterfragen schnell ab. Jedenfalls nehmen wir den Steineinschlag zum Anlass uns dezent aber elegant zurückzuziehen und einen neuen Campusbetretversuch beim Seiteneingang zu starten. Dabei erschließen sich uns nun auch  der Grund der eigenwilligen Kopfbedeckungen der unzähligen filmenden Journalisten, welche das Geschehen festhalten. Als plötzlich lautstark einige mit Tränengas gefüllte Knallkörper nur unweit von uns explodieren und eine gewaltige  Rauchwolke sich unserer Fluchtroute nähert, beschließen wir einstimmig, unser gemächliches Beobachtungstempo stetig zu steigern um unseren Lungen den zweifelhaften Genuss von Tränengas zu ersparen. So weit geht unser Wille türkische Kultur und Lebensweise kennen zu lernen auch wieder nicht. Unserer Gesundheit zu Liebe verlassen wir die Gefahrenzone. Denn wir wollten ja eigentlich noch dicke sozialwissenschaftliche Wälzer lesen.

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