Postosmanischer Darwinismus

Klirrende Kälte, die Stickstoffpartikel der Atemluft verwandeln sich in der eisigen Morgenluft zu grauen Rauchschwaden. Eine Gruppe fremder Reisender auf der Suche nach verschollenem Wissen verharren zitternd auf dem Trottoir irgendwo in den einsamen Gassen einer kleinasiatischen Stadt. Unter diesen offensichtlich etwas verstört wirkenden Personen, irgendwo im vorderen Drittel dieser den Straßenrand säumenden Ansammlung von Menschen, befinde ich mich. Fröstelnd ob der wiederholt falschen Kleidungswahl klammere ich mich an einen Becher heißen Tee, wie eine angehende Moorleiche an den letzten Grashalm.  Meine Körpertemperatur erreicht im Morgengrauen wieder Pluswerte. Die Ansammlung von Menschen aus verschiedenen fremden Kulturen irgendwo auf dem Gehsteig in der einsamen Straße beginnt ebenso größer zu werden, wie die Gewissheit, mit dem Tausch kalter Gehsteig gegen warmes Bett ein schlechtes Geschäft gemacht zu haben. Als sich mit zunehmend verstrichener ereignisarmer Zeit einem nicht geringen Teil der wartenden Individuen merklich die Frage nach dem Sinn des Lebens aufdrängt und der anfänglich vorhandene Humor über diese schier aussichtslose und triste Situation blanker Resignation und Melancholie weicht, ist irgendwo in der Ferne ein metallisches Knarren zu öffnen. Während die Fremden der wartenden Gruppe dies als Fata Morgana infolge schleichender Dehydrierung interpretieren, sind nur die Ältesten der Gruppe (im konkreten Fall die einheimischen Reisebegleiter) fähig den Signalen die richtige Bedeutung beizumessen. Unmissverständlich geben sie ihren Weggefährten zu verstehen, dass der Moment naht, der Moment, der unser aller Leben nachhaltig ändern sollte.

Und dann: Unvermittelt  öffnet das Tor der Träume seine Pforten und die versammelte Masse beginnt sich hektisch in Richtung der Pförtner zu bewegen. Doch ein mysteriöser Torbogen, welcher sich später als Security Check herausstellen sollte, versperrt ihnen den Weg. Schnell bahne ich mir ebenso wie einige meiner Gefährten den Weg durch die von Wächtern versperrten Tore. Doch der Erfolg ist nur von kurzer Dauer. Unvermittelt setzt unser osmanischer Reisebegleiter zum Sprint an – seine Aufforderung es ihm gleichzutun folgt unmittelbar. Plötzlich stellt sich heraus, dass sein weißer Trainingsanzug inklusive passendem Schuhwerk, welcher wenige Minuten vorher am Trottoir noch zweifelsfrei als modischer Griff ins Klo zu beurteilen war, sich nun als taktische Meisterleistung und genialer Schachzug entpuppt. Ebenso offenbart es sich sogleich, dass die Aufforderung bei Öffnung der Tore statt einem gemütlich Stechschritt die Gangart des Vollsprints für den Weg in die Räumlichkeiten hinter dem Tor zu wählen, wohl nicht ein morgendlicher und deswegen der Schläfrigkeit geschuldet zweifelhaft amüsanter Witz sondern tatsächlich ein konstruktiver Rat war, und deswegen das müde Lächeln der Gruppe Fremder, offensichtlich die falsche Reaktion auf diese Aussage darstellte.

Der geübte Antritt unseres Reiseführers lässt mich nur noch einen Schatten seiner Silhouette erhaschen und so setze ich ebenso zum frühmorgendlichen Vollsprint an. Ich laufe mit geballter Kraft dem Ziel, einer im Inneren der einer Festung gleichenden Polizeistation liegenden Halle, entgegen, wie Usuain Bolt der Ziellinie, HC Strache dem nächsten Zeltfest oder Rainer Calmund dem All-you-can-eat Buffet im Hotelrestaurant. Gerade noch erhasche ich einen Blick von meinem weißgekleideten Pacemaker. Allen Ellbogenschlägen, Hieben und Bodycheckversuchen zum Trotz verteidige ich meine Position beim Sturm auf die begehrten Plätze im Warteraum einer türkischen Sicherheitsbehörde. Diese nicht gerade prickelnd klingende Destination lockt uns alle in diesen Tagen in den Morgenstunden aus den Betten um unseren Aufenthaltsstatus mit einer sogenannten „Residence Permit“ während unseres Studienaufenthaltes in Ankara zu legalisieren. Diesem Ansturm lernbereiter  und täglich motiverter Jungakadamiker scheint die Behördenstruktur im postosmanischen Reich nicht standhalten zu können. Und so trägt es sich zu, dass bereits wenige Minuten nach Öffnung der Behörde um 8 (also nach vollen zwei Stunden Wartezeit in der arktischen anatolischen Nacht) die begehrten Plätze, welche einem gestatten beinahe den ganzen Tag am kühlen Boden einer spartanisch eingerichteten administrativen Abteilung dahinzuvegetieren um auf einen spontanen Arbeitsmotivationsschub eines pragmatisierten, vorwiegend männlichen osmanischen Öffentlich-Bediensteten, der in der Regel der englischen Sprache wenig bis überhaupt nicht mächtig ist, zu warten und dabei das Schauspiel der Arbeitsteilung in einer türkischen Behörde beobachten zu können. Diese Organisationsstruktur beschränkt sich im wesentlichen auf die Annahme der Anträge durch erwähnte vorwiegend männliche pragmatisierte Beamte, zu deren Aufgabenbereich ebenso das Verweisen auf den Zahlungsschalter 850m nordostwärts im hinteren Trakt, erreichbar durch einen 20-minütigen Fußmarsch mit festem Schuhwerk, zählt. Anschließend wird der Zahlungsbeleg und eben der Antrag nun schon zum zweiten Mal in die Hand der Schalterbeamten genommen nur um nach einem kurzen Vollständigkeitscheck die übrigens zwingend pinke Mappe (!), Recherchen zufolge dürfte es sich dabei um den seltenen aber universell passenden Farbton „Altrosa“ handeln, den etwa drei Dutzend Verwaltungsbeamten und Innen im selben Raum zu übergeben, welche anschließend auf knapp 20 Quadratmetern ein unvergleichliches Schauspiel von Rollenverteilung, gegenseitiger Kontrolle und perfekt aufgeteilter Arbeitsschritte darbieten, welches jeden Apidologen (Bienenkundler, Anm. d. Red.) in Neid erblassen lässt (so wird der essentiell wichtige Schritt „Passfotos zuschneiden und aufkleben“ von zwei Männern in den Mitfünfzigern nahezu in Perfektion verübt, welche sich von der Tatsache, dass im Büro nur eine Schere und ein Klebestift vorhanden ist, nicht nehmen lassen, jeden dieser zwei Schritte in harmonischer Zweisamkeit gemeinsam auszuführen).  Und so werden die Anträge in unvergleichlicher Effizienz  auf engstem Raum eindrucksvoll bearbeitet, was die Tatsache, dass das Computerzeitalter in diese administrative Einheit allem Anschein nach noch nicht vorgedrungen ist (ich zähle insgesamt einen Bildschirm auf einem der 10 Schreibtische, dessen Funktionsfähigkeit oder Nutzungsstatistik wurde nicht überprüft), sofort vergessen lassen.

Und so verlasse ich stolz um 11:30 das Polizeigebäude als zweiter unserer Gruppe mit erfolgreich erhaltener Aufenthaltsbewilligung. Dass ich aus Solidarität mit einigen weiteren wartenden Leidensgenossen, welche auf Grund einer Behördensperrung auf Grund plötzlich auftretenden Hungergefühls bei den eben erwähnten hart arbeitenden vorwiegend männlichen Öffentlich-Bediensteten (Experten mögen so etwas als Mittagspause bezeichnen) zwischen 12 und 13 Uhr das Gebäude verlassen müssen, ungeachtet dessen, dass ihr Antrag sich gerade in Bearbeitung befand, noch bis 13 Uhr 30 in beziehungsweise um die Behörde verweile, darf das Bild einer eindrucksvoll effizient arbeitenden türkischen Verwaltungsbehörde freilich nicht trüben.

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